
Zu viel Wahrheit? France 2 zeigt Pariser Krawalle – Gewerkschaften toben

Zwölf Minuten Chaos, fast ohne Kommentar, mitten in den 20-Uhr-Nachrichten. Am Sonntag, dem 18. Oktober, hat der öffentlich-rechtliche Sender France 2 die schweren Ausschreitungen vom Vortag ungefiltert gezeigt. Jetzt verlangen linke Gewerkschaften Köpfe. Sie wollen das Team um Starmoderator Laurent Delahousse loswerden.
Brennende Autos statt Sprechertext
Der Beitrag hieß „Im Zentrum der Gewalt" und lief am Ende der Hauptnachrichten. Zu sehen waren brennende Fahrzeuge, zerstörte Geschäfte und Straßenschlachten mit der Polizei. Einen Sprecher, der die Bilder erklärt, gab es kaum. Zwischendurch tauchte der Linkspolitiker Jean-Luc Mélenchon auf.
Der Hintergrund: Am Samstag, dem 17. Oktober, waren in mehreren französischen Städten Menschen gegen die hohen Lebenshaltungskosten und für bessere Bedingungen an den Schulen auf die Straße gegangen. Am Rand der Proteste kam es französischen Medienberichten zufolge zu massiven Plünderungen. Allein in Paris sollen rund 450 Geschäfte beschädigt worden sein. Die Polizei habe überfordert gewirkt. Die Pariser Staatsanwaltschaft ermittelt außerdem zum Tod eines Mannes am Rand der Demonstration.
CGT will den Rücktritt des ganzen Teams
Die Gewerkschaft CGT, die traditionell links steht und die Proteste selbst unterstützt hatte, reagierte scharf. Der Sender habe die Bewegung mit den Gewaltszenen in ein schlechtes Licht gerückt, so der Vorwurf. Das gesamte Nachrichtenteam einschließlich Delahousse solle zurücktreten.
Auch die CFDT schoss gegen den Sender. Von 48 Minuten Sendezeit seien nur zwei Minuten auf die Forderungen der Demonstranten entfallen. Die Gewerkschaft will den Fall nun vor die zuständige Ethikkommission bringen.
Selbst aus der eigenen Redaktion kam Kritik. Valéry Lerouge, Chef der Journalistenvereinigung bei France Télévisions, sprach gegenüber dem Magazin Télérama von einer „völligen und unkontrollierten Entgleisung". Man sei „alle einhellig schockiert über diese zwölfminütige Sequenz".
Senderchef rudert zurück – aber nur ein Stück
Informationsdirektor Philippe Corbé räumte Fehler ein. Man hätte die Bilder besser einordnen und „präziser sein müssen, um Missverständnisse zu vermeiden". Berichten zufolge hat er sich sogar entschuldigt. Die Ausstrahlung selbst verteidigt er aber. Der Beitrag habe die friedliche Demonstration gerade von den Gewaltszenen trennen sollen.
Ein bemerkenswerter Vorgang. Gestritten wird nämlich nicht darüber, ob die Bilder echt sind, sondern darüber, ob man sie überhaupt so zeigen durfte. Das ist schon erstaunlich.
Wer soll hier eigentlich geschützt werden?
Kritiker sehen in dem Aufschrei ein bekanntes Muster: Verantwortlich gemacht wird nicht, wer Autos anzündet und Läden plündert, sondern wer die Kamera draufhält. Das Wort „Einordnung" klingt dabei harmlos. Für viele Zuschauer bedeutet es aber, dass man ihnen gleich mitliefert, was sie denken sollen.
Auch in Deutschland kennt man diese Debatte. Die Bürger zahlen für ARD und ZDF jedes Jahr Milliarden an Pflichtbeiträgen. Viele fragen sich trotzdem, wie oft unangenehme Bilder hier im Schneideraum verschwinden, bevor sie überhaupt jemand kritisieren kann. Dass ausgerechnet die Gewerkschaften im Haus den Rücktritt von Journalisten fordern, die gezeigt haben, was auf den Straßen passiert ist, passt da gut ins Bild.
Frankreich vor dem nächsten heißen Samstag
Ruhig bleibt es vorerst nicht. Für Samstag, den 24. Oktober, sind neue Aktionen angekündigt, auch die Gelbwesten wollen wieder mobil machen. Für Donnerstag wurden in Paris Demonstrationen verboten.
France 2 ist der wichtigste öffentlich-rechtliche Sender des Landes. Wie er mit dem Druck umgeht, wird deshalb weit über Frankreich hinaus beobachtet. Die Frage ist einfach: Darf ein Sender noch zeigen, was passiert ist, oder nur noch, was ins gewünschte Bild passt?
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