
360 Volt aus der Steckdose: Wer zahlt, wenn das Stromnetz Geräte grillt?

Drei schwere Netzstörungen in nur vier Monaten haben Heizungen, Wallboxen und Kühlschränke zerstört. Betroffen waren zwischen Juli und Oktober Haushalte in Aspach-Rietenau, im Münsinger Ortsteil Apfelstetten und im Westen Schleswig-Holsteins. Die Schäden gehen in die Hunderttausende. Viele Geschädigte fürchten jetzt, auf ihren Kosten sitzenzubleiben.
Ein Knall, grelles Licht – und dann Stille
Los ging es Mitte Juli in Rietenau. Bei Arbeiten am Stromnetz kam es zu einer technischen Störung. Anwohner berichten von einem Knall und Lampen, die plötzlich grell aufflackerten. Danach liefen Heizungssteuerungen und Küchengeräte nicht mehr.
Nach Schätzungen der Einwohner waren mehrere Dutzend Haushalte betroffen. In einem Haus verschmorte die Steuerplatine der Heizung. Auch eine kommunale Wärmepumpe im Brunnengässle ging kaputt.
Drei Monate später wird vor allem gestritten. Viele Betroffene halten die Angebote des Netzbetreibers Syna für viel zu niedrig, obwohl es teils um Reparaturen von mehreren Tausend Euro geht. Syna verweise auf seinen Haftpflichtversicherer, heißt es. Mehrere Anwohner überlegen deshalb, vor Gericht zu ziehen. Sogar die Gemeinde hat um eine Kulanzlösung gebeten.
Apfelstetten: 600.000 Euro Schaden an einem Tag
Am 21. August traf es Apfelstetten. Ein Defekt in einer Umspannstation von Netze BW ließ die Spannung massiv steigen. Statt 230 Volt maßen Anwohner zeitweise rund 360 Volt an ihren Steckdosen. Das ist ein Plus von mehr als 50 Prozent.
Mindestens 50 der 209 Haushalte meldeten Schäden: Heizungssteuerungen, Photovoltaikanlagen, Wallboxen, Kühl- und Gefriergeräte. Anfang September schätzten die Geschädigten den Gesamtschaden auf mindestens 600.000 Euro. Ein einzelner Eigentümer rechnete allein mit rund 40.000 Euro.
Netze BW spricht von einem sehr seltenen Ereignis und verweist auf vorhandene Schutztechnik. Jede Forderung werde einzeln geprüft. Die Beweislast liegt damit beim Bürger, der jeden Schaden selbst belegen muss.
Schleswig-Holstein: Ein Reetdachhaus brennt nieder
Am 18. Oktober kam die dritte Störung. Ein Kurzschluss im 110.000-Volt-Netz von SH Netz löste eine Überspannung aus, mehrere Umspannwerke schalteten ab. Bis zu 40.000 Haushalte saßen zeitweise im Dunkeln. In Friedrichstadt fing ein Überspannungsableiter Feuer.
Am schlimmsten traf es Bunsoh im Kreis Dithmarschen. Dort brannte ein Stromkasten in einem Reetdachhaus, das Gebäude ist zerstört. Der Schaden wird auf rund 500.000 Euro geschätzt. Wie es genau zu dem Brand kam und wer haften muss, ist noch offen. Allein in Albersdorf könnten ersten Schätzungen zufolge 100 bis 150 Haushalte Schäden erlitten haben.
Weniger Schadensfälle, aber jeder einzelne wird teurer
Werden solche Störungen häufiger? Das lässt sich nicht sagen. Die Bundesnetzagentur zählt nur Stromausfälle von mehr als drei Minuten, für 2024 waren es 164.645. Kurze Spannungsspitzen, die Geräte zerstören, werden bundesweit nicht eigens erfasst. Bei einem so wichtigen Thema ist das eine erstaunliche Lücke.
Zahlen gibt es nur von den Versicherern. Laut ihrem Gesamtverband meldeten Hausrat- und Wohngebäudeversicherer 2025 rund 180.000 Blitz- und Überspannungsschäden, 2024 waren es noch etwa 220.000. Die Entschädigungen lagen bei 310 Millionen Euro. Der Durchschnittsschaden stieg um rund elf Prozent auf den Rekordwert von etwa 1.760 Euro. Diese Zahlen betreffen aber vor allem Schäden nach Blitzeinschlägen.
Als Grund für die teureren Schäden nennt der Verband die immer aufwendigere Technik in den Häusern. Hier liegt eine bittere Ironie: Mit Förderprogrammen und Vorgaben schiebt die Politik Bürger zu Wärmepumpe, Solaranlage und Wallbox. Doch wer so aufrüstet, hat bei einer Netzstörung auch mehr zu verlieren.
Recht auf Schadenersatz – mit Haken
Der Bundesgerichtshof hat schon 2014 entschieden, dass Netzbetreiber nach dem Produkthaftungsgesetz auch ohne eigenes Verschulden haften können. Geschädigte müssen die Voraussetzungen aber selbst beweisen. Bei Sachschäden zahlen sie außerdem 500 Euro selbst. Andere Rechtsgrundlagen können mehr Ersatz ermöglichen.
Ein Trend lässt sich aus den drei Fällen noch nicht ablesen. Sie zeigen aber, wie teuer eine einzige Störung werden kann. Wer Strom zuverlässig bezahlt, darf auch ein zuverlässiges Netz erwarten. Und wenn etwas schiefgeht, sollte er schnell und vollständig entschädigt werden.
Hinweis: Dieser Beitrag stellt keine Rechtsberatung dar. Er gibt die Meinung unserer Redaktion und die uns vorliegenden Informationen wieder. Wer Ansprüche prüfen lassen möchte, sollte sich an einen Fachanwalt wenden.
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