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01.08.2026
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54 Filialen, 400 Existenzen, 54 Jahre Tradition – und am Ende gewinnt die Stromrechnung

54 Filialen, 400 Existenzen, 54 Jahre Tradition – und am Ende gewinnt die Stromrechnung

Bestensee in Brandenburg. Wer wissen will, wie es dem Land wirklich geht, muss nicht in die Statistiken des Wirtschaftsministeriums schauen. Es genĂŒgt ein Blick auf das Rollgitter, das seit dem 1. August vor einigen Verkaufsstellen der BĂ€ckerei Konditorei Wahl heruntergelassen ist. 54 Filialen in Berlin und Brandenburg, mehr als 400 BeschĂ€ftigte, ein Familienunternehmen, das 1972 in einer kleinen PachtbĂ€ckerei begann – und nun der Gang zum Insolvenzgericht. Die GeschĂ€ftsfĂŒhrerin bestĂ€tigte den Schritt gegenĂŒber der regionalen Presse. Man befinde sich in Eigenverwaltung, das KerngeschĂ€ft sei gesund und wettbewerbsfĂ€hig, der Betrieb solle weiterlaufen. Nur eben kleiner. Deutlich kleiner.

Wenn „gesundes KerngeschĂ€ft“ und Insolvenz im selben Satz stehen

Das ist der bittere Satz dieser Zeit: Ein Betrieb, der handwerklich funktioniert, dessen Brötchen die Kunden seit Jahrzehnten kaufen, dessen Belegschaft loyal ist – und der trotzdem nicht mehr ĂŒberlebt. Als GrĂŒnde wurden gestiegene Kosten und die KaufzurĂŒckhaltung der Kunden genannt. Man muss diese zwei HalbsĂ€tze zwei Mal lesen, um ihre ganze politische Sprengkraft zu erfassen. Denn beide sind keine Naturgesetze. Beide sind das Ergebnis von Entscheidungen, die in Berlin getroffen wurden.

Bereits geschlossen haben mehrere Standorte, unter anderem in Mittenwalde, in einem Discounter in Zossen und in einem Supermarkt in Schmöckwitz. Auch in Potsdam wird ausgedĂŒnnt. Eine VerkĂ€uferin schilderte gegenĂŒber der Boulevardpresse, man habe erst zwei Wochen vor der Meldung von der Insolvenz erfahren; wer gehen wolle, könne gehen. Ein Satz, der die KĂ€lte moderner Sanierungsverfahren perfekt einfĂ€ngt. Der begleitende Rechtsanwalt sieht laut Unternehmensmitteilung beste Voraussetzungen fĂŒr eine erfolgreiche Sanierung – treue Kunden, starkes Team, gesunder Kern. Man wĂŒnscht es der Familie und den Mitarbeitern von Herzen. Man fragt sich nur, wie lange dieses Muster noch trĂ€gt.

63 Insolvenzen in sechs Monaten – das ist kein Zufall, das ist ein Trend

Denn Wahl ist kein Einzelfall, sondern eine Zeile in einer immer lĂ€nger werdenden Liste. Im ersten Halbjahr 2026 haben bundesweit 63 BĂ€ckereibetriebe Insolvenz angemeldet – rund 40 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Ein Sprecher der Wirtschaftsauskunft Creditreform verwies auf verĂ€nderte Konsumgewohnheiten: Backwaren wĂŒrden zunehmend beim Wocheneinkauf im Supermarkt oder beim Discounter mitgenommen, nicht mehr beim HandwerksbĂ€cker. Hinzu kĂ€men explodierte Energiekosten, die Betriebe mit Backöfen und Knetmaschinen naturgemĂ€ĂŸ hĂ€rter treffen als ein BĂŒro mit drei Laptops. Dazu hohe Lohnkosten, teurere Rohstoffe, fehlende FachkrĂ€fte. Und die bittere Pointe: Weitergeben lasse sich all das nur begrenzt, weil der Kunde am Monatsende einfach nicht mehr hat.

Wer Energie politisch verteuert, verteuert am Ende das Brötchen. Wer das Brötchen verteuert, tötet den BÀcker. So einfach ist die Kausalkette, die man in Berlin seit Jahren nicht buchstabieren will.

Es traf in den vergangenen Monaten bereits andere: eine ThĂŒringer BĂ€ckerei mit 44 Filialen und rund 280 BeschĂ€ftigten, eine bayerische Kette, bei der sich ĂŒberhaupt keine FortfĂŒhrungslösung fand und die Produktion einstellte, ein ĂŒber hundert Jahre alter Betrieb aus Schleswig-Holstein, der verkauft wurde und von dessen elf Filialen ein Wettbewerber sechs ĂŒbernahm. Jede dieser Meldungen ist ein StĂŒck Substanz, das dieses Land verliert – Substanz, die niemand mit einem Sondervermögen zurĂŒckkaufen kann.

Vom Backsteinofen zur Bilanzkrise: eine deutsche Geschichte

Die Geschichte dieses Unternehmens ist bemerkenswert deutsch. 1972 eine gepachtete Backstube, sechs Jahre spĂ€ter der eigene Betrieb in Bestensee, sechs Mitarbeiter, altdeutsche Tradition, Backsteinofen. Nach der Wende Wachstum, 2005 ein neuer Produktionsstandort im Kleingewerbegebiet, 2016 ein CafĂ© am Bahnhof, 2017 die Übergabe an die Tochter. Und im April 2024 – man lese es zweimal – ĂŒbernahm dieser Betrieb noch Filialen einer anderen insolventen BĂ€ckereikette in Potsdam und Potsdam-Mittelmark. Zwei Jahre spĂ€ter ist der Retter selbst Patient. Wenn selbst diejenigen kippen, die noch expandieren, dann ist nicht das Unternehmen krank, sondern der Standort.

Die unbequeme Frage

Wo sind eigentlich die Sondervermögen fĂŒr den Mittelstand? 500 Milliarden Euro sind fĂŒr Infrastruktur eingeplant, KlimaneutralitĂ€t wurde ins Grundgesetz geschrieben, die Schuldenversprechen des Kanzlers sind Geschichte. FĂŒr den Handwerksbetrieb mit 400 ArbeitsplĂ€tzen im Landkreis Dahme-Spreewald aber gibt es keinen Rettungsschirm, keine Pressekonferenz, kein Nachtragshaushaltsgesetz. Es gibt nur die nĂ€chste Nebenkostenabrechnung, die nĂ€chste BĂŒrokratieauflage, den nĂ€chsten Dokumentationspflichtenkatalog. Der BĂ€cker soll dokumentieren, digitalisieren, dekarbonisieren – und nebenbei um vier Uhr morgens Teig ansetzen. Dass die Kunden gleichzeitig sparen mĂŒssen, weil ihnen Inflation und Abgabenlast das Netto weggefressen haben, gilt in Berlin als bedauerlicher Nebeneffekt. In Bestensee heißt es Insolvenz.

Was bleibt, wenn das Handwerk geht

Mit jeder geschlossenen BĂ€ckerei verschwindet mehr als eine Verkaufstheke. Es verschwindet ein Treffpunkt, ein Ausbildungsplatz, ein StĂŒck Ortskern, ein StĂŒck Alltag. Discounter-Aufbackware kennt keine Lehrlinge und keine Stammkunden. Sie kennt nur Margen. Und wenn am Ende nur noch Konzerne Brot verkaufen, wird sich niemand mehr wundern, dass die Preise trotzdem nicht fallen.

Der Fall Wahl ist deshalb kein Regionalthema, sondern ein Symptom. Ein Land, das seine energieintensiven Handwerksbetriebe systematisch aus dem Markt reguliert, wĂ€hrend es sich moralisch fĂŒr Weltrekorde feiert, wird irgendwann feststellen: Man kann Ideologie nicht essen. Wer sein Vermögen in einem solchen Umfeld schĂŒtzen will, sollte sich fragen, was in einer Wirtschaft mit schrumpfender Substanz und wachsender Geldmenge eigentlich noch Wert hat. Physisches Gold und Silber haben in der Geschichte jede Inflations- und Insolvenzwelle ĂŒberdauert – als reale, greifbare ErgĂ€nzung eines breit gestreuten Vermögens. Die Backstube in Bestensee hĂ€tte davon nicht profitiert. Der Sparer, der ihr Brot gekauft hat, vielleicht schon.

Hinweis: Dieser Beitrag stellt die EinschĂ€tzung unserer Redaktion auf Grundlage öffentlich zugĂ€nglicher Informationen dar. Er ist keine Anlageberatung, keine Steuer- und keine Rechtsberatung und enthĂ€lt keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung fĂŒr einzelne Produkte oder Unternehmen. Jeder Anleger ist verpflichtet, eigene Recherchen anzustellen, seine persönliche Situation zu prĂŒfen und gegebenenfalls einen unabhĂ€ngigen Fachberater hinzuzuziehen. FĂŒr Anlageentscheidungen und deren Folgen trĂ€gt allein der Leser die Verantwortung. Eine Haftung fĂŒr VermögensschĂ€den wird ausgeschlossen.

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