
Angst im OP-Saal: Klinik-VerbÀnde sagen Machtmissbrauch den Kampf an

Deutschlands KrankenhĂ€user haben ein Problem, ĂŒber das lange kaum jemand offen sprach. Am Mittwoch haben der Marburger Bund, der Deutsche Pflegerat und die Deutsche Krankenhausgesellschaft in Berlin einen Runden Tisch gegen Machtmissbrauch und sexuelle BelĂ€stigung im Klinikalltag vorgestellt. Ihre Warnung: Die Leidtragenden sind nicht nur die BeschĂ€ftigten, sondern am Ende womöglich auch die Patienten.
Fast jeder Zweite betroffen
Den AnstoĂ gaben alarmierende Zahlen. An einer bundesweiten Befragung des Marburger Bundes hatten sich im FrĂŒhjahr 9.073 angestellte Ărztinnen und Ărzte beteiligt, rund 90 Prozent von ihnen arbeiten in KrankenhĂ€usern. Laut der im April veröffentlichten Auswertung gaben 49 Prozent an, in den vorangegangenen zwölf Monaten Machtmissbrauch durch Ă€rztliche Kollegen erlebt zu haben. Ausgegangen sei er ganz ĂŒberwiegend von mĂ€nnlichen Vorgesetzten.
Das Bild wird noch dĂŒsterer, wenn man genauer hinschaut. Drei Viertel der Betroffenen verzichteten auf eine Meldung. Sie rechneten nicht mit Konsequenzen, fĂŒrchteten Nachteile fĂŒr die eigene Laufbahn oder wussten schlicht nicht, wohin sie sich vertraulich wenden könnten. Von sexueller BelĂ€stigung berichteten Medienberichten zufolge 13 Prozent der Befragten.
âHabituelles Schweigen" statt offener Worte
FĂŒr Susanne Johna, Vorsitzende des Marburger Bundes, ist die Diagnose eindeutig. Es handele sich um ein âstrukturelles Problem". Die Spannbreite reiche von einem respektlosen, herablassenden Ton ĂŒber systematische Herabsetzung bis hin zur öffentlichen BloĂstellung. Auch Benachteiligungen in der Ă€rztlichen Weiterbildung seien darunter.
Die Wurzel sieht Johna in den steilen Hierarchien der Kliniken. Irgendjemand mĂŒsse zwar am Ende entscheiden, rĂ€umte sie ein. Ăber die Jahre habe sich jedoch ein âhabituelles Schweigen zu so einem Fehlverhalten" etabliert, das man nicht lĂ€nger hinnehmen dĂŒrfe. Ihre Forderung zielt auf die Chefetagen: Bei der Besetzung von Leitungsposten solle kĂŒnftig nicht allein medizinische Exzellenz zĂ€hlen, sondern auch die FĂ€higkeit, Menschen zu fĂŒhren.
âDie Meldewege mĂŒssen leicht zugĂ€nglich und die AblĂ€ufe transparent sein."
Wenn die Angst mit am Krankenbett steht
Grundlage des Runden Tisches ist ein gemeinsames Leitbild. Es soll eine Arbeitskultur beschreiben, in der jeder GrenzĂŒberschreitungen ansprechen kann, ohne Nachteile befĂŒrchten zu mĂŒssen. Dazu brauche es unabhĂ€ngige und vertrauliche Beratungs- und Beschwerdestellen, die im Haus auch tatsĂ€chlich bekannt seien.
Warum das alle angeht, machte Christine Denk deutlich, GeschĂ€ftsfĂŒhrerin des Deutschen Pflegerates. Herrsche auf einer Station eine Kultur der Angst und werde ein groĂes MachtgefĂ€lle missbrĂ€uchlich ausgelebt, spĂŒrten das alle Mitarbeitenden. Das könne dazu fĂŒhren, dass Behandlung und Versorgung schlechter wĂŒrden. Auch Gerald GaĂ, Vorstandschef der Deutschen Krankenhausgesellschaft, betonte, eine âpositive Fehlerkultur" wirke sich auf die Patientenversorgung aus.
Der Gedanke ist so schlicht wie beunruhigend: Wer sich nicht traut, dem Oberarzt zu widersprechen, schweigt womöglich auch dann, wenn er einen drohenden Behandlungsfehler bemerkt.
Ein Runder Tisch reicht nicht
Dass die Branche das Thema selbst anpackt, statt auf das nÀchste Gesetz aus Berlin zu warten, verdient Anerkennung. Doch Runde Tische haben in Deutschland eine lange Tradition, und nicht selten bleibt es bei wohlklingenden Papieren. Entscheidend wird sein, ob Klinikleitungen tatsÀchlich Konsequenzen ziehen.
Der Zeitpunkt ist heikel. Die HĂ€user kĂ€mpfen mit FachkrĂ€ftemangel und hohem Kostendruck, junge Mediziner und PflegekrĂ€fte wandern ab oder reduzieren ihre Stunden. Ein Arbeitsklima, das LeistungstrĂ€ger vergrault, kann sich das deutsche Gesundheitssystem schlicht nicht leisten. Gute FĂŒhrung ist darum kein weiches WohlfĂŒhlthema. Sie entscheidet mit darĂŒber, ob Patienten in deutschen Kliniken kĂŒnftig noch so versorgt werden, wie sie es mit ihren hohen BeitrĂ€gen erwarten dĂŒrfen.
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