
Antifa-Tattoo statt Sonnenblume: Braucht die CDU jetzt diese Frau?

Zwei Tage vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt richtet sich der Blick auf eine Politikerin, die viele im Land bislang kaum kannten: Susan Sziborra-Seidlitz, Spitzenkandidatin der Grünen. Medienberichten zufolge trägt sie ihre politischen Überzeugungen sichtbar auf der Haut – als Tätowierungen mit Symbolen der Antifa und der Arbeiterbewegung. Gewählt wird am 6. September.
„Alerta“ auf dem Finger, die Faust am Oberarm
Auf einem Finger prangt dem Bericht zufolge der Schriftzug „Alerta“ – eine Anspielung auf den Demonstrationsruf „Alerta, alerta, antifascista“, der zum festen Repertoire linker und autonomer Aufmärsche gehört. Auf dem Oberarm sei eine erhobene Faust zu sehen, die eine Sonnenblume umschließt.
Die geballte Faust gilt seit über einem Jahrhundert als Erkennungszeichen sozialistischer und kommunistischer Bewegungen. Aufmerksam gemacht hatte darauf eine Journalistin auf der Plattform X. Ihr Hinweis: Man solle sich von der freundlichen, beinahe tantenhaften Erscheinung der Kandidatin nicht täuschen lassen.
Eine Spitzenkandidatin, die im Wahlkampf gern über Hamster, Wildbienen und Fledermäuse spricht – und deren Körperschmuck vom revolutionären Klassenkampf erzählt. Für viele Wähler dürfte das ein bemerkenswerter Kontrast sein.
Warum fünf Prozent plötzlich über das ganze Land entscheiden
Die Zahlen erklären die Brisanz. In den jüngsten Umfragen kommt die AfD mit ihrem Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund auf Werte zwischen 40 und 43 Prozent, die CDU liegt bei 22 bis 23 Prozent – rund zwanzig Punkte dahinter. Die Linke wird bei 11 bis 13 Prozent gesehen, die SPD bei 7 bis 9, die Grünen wackeln bei 5 bis 6 Prozent an der Sperrklausel.
Zur Erinnerung: 2021 holte die CDU noch 37,1 Prozent, die AfD 20,8. Innerhalb einer Wahlperiode hat sich das Kräfteverhältnis also nahezu umgekehrt. Wer heute in Magdeburg regieren will, ohne mit der stärksten Kraft zu sprechen, braucht rechnerisch fast jeden verfügbaren Partner – auch Grüne und Linke.
Genau darin liegt die Pointe: Eine Partei, die in Umfragen um den Einzug bangt, könnte zur Königsmacherin werden. Sziborra-Seidlitz selbst formulierte es in einem Interview so, ihre sechs oder vielleicht sieben Prozent entschieden darüber, ob Siegmund allein regieren könne.
Die Vergangenheit ihres Mannes – und ein Vorwurf an die Presse
Zusätzlich beschäftigt den Wahlkampf die von ihr selbst öffentlich gemachte Neonazi-Vergangenheit ihres Ehemannes. Gegenüber der „Zeit“ erklärte die Politikerin, er sei damals nicht an Gewalttaten oder strafrechtlich relevanten Aktionen beteiligt gewesen; man habe politisch diskutiert, Wanderungen unternommen, Sonnenwendfeiern veranstaltet. Als sie ihn Anfang der 2000er kennengelernt habe, sei diese Phase längst vorbei gewesen.
„Bis heute ist diese Geschichte für ihn äußerst schambesetzt.“
Die aktuelle Berichterstattung bezeichnete sie als „Kampagne gegen meinen Mann“ und als Versuch, ihrer Partei das Momentum zu nehmen.
Was daraus für Sachsen-Anhalt folgt
Aus Sicht unserer Redaktion offenbart der Vorgang vor allem eines: das strategische Dilemma der Union. Wer Koalitionen ausschließlich nach Ausschlussprinzip statt nach inhaltlicher Nähe schmiedet, landet am Ende womöglich bei Partnern, deren politische Symbolik dem eigenen bürgerlichen Wählerauftrag denkbar fern liegt.
Die Bürger in Sachsen-Anhalt beschäftigen andere Fragen: Industriearbeitsplätze, Energiepreise, innere Sicherheit. Am Sonntagabend wird sich zeigen, ob taktische Rechenspiele diesen Sorgen standhalten.

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