
Beitrag rauf, Brief weg: Krankenkassen dürfen jetzt schweigen

Millionen gesetzlich Versicherte müssen künftig selbst herausfinden, ob ihre Krankenkasse teurer wird. Mit dem Sparpaket der schwarz-roten Koalition ist die Pflicht der Kassen entfallen, ihre Mitglieder bei einer Erhöhung des Zusatzbeitrags per Brief zu informieren. Verbraucherschützer laufen Sturm — die Bundesregierung bleibt hart.
„Es ist ein Unding“
Ramona Pop, Chefin des Verbraucherzentrale Bundesverbands, findet deutliche Worte:
„Es ist ein Unding, dass Krankenkassen ihre Versicherten nicht mehr über steigende Zusatzbeiträge informieren müssen.“
Die Bundesregierung müsse diesen Fehler korrigieren, fordert Pop. Begründet wurde die Streichung offiziell mit Entbürokratisierung und dem Heben sämtlicher Einsparpotenziale. Übersetzt heißt das: Der Bürger soll sich künftig selbst kümmern.
Wenn das Sonderkündigungsrecht einfach verpufft
Das klingt harmlos, ist es aber nicht. Denn steigt der Zusatzbeitrag, haben Versicherte ein Sonderkündigungsrecht — die sonst geltende Bindung von zwölf Monaten an die eigene Kasse entfällt dann.
Nur: Dieses Recht muss bis zum Ende des Monats genutzt werden, in dem der höhere Beitrag erstmals gilt. Bei einer Anhebung zum 1. Januar ist also am 31. Januar Schluss. Wer nichts merkt, verliert seine Chance.
Pop warnte, im schlimmsten Fall bemerkten Versicherte die Erhöhung erst, wenn das Nettogehalt kleiner ausfalle. Dann greife das Sonderkündigungsrecht unter Umständen schon nicht mehr.
Drei von vier wissen von nichts
Besonders pikant: Laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag des Verbands hatten 76 Prozent der Befragten noch nie davon gehört, dass die Informationspflicht gefallen ist. Befragt wurden Ende August 1.087 gesetzlich Versicherte ab 18 Jahren.
Der Verweis der Politik auf die Kassen-Webseiten wirkt vor diesem Hintergrund reichlich realitätsfern. 41 Prozent der Befragten besuchen die Internetseite ihrer Kasse nach eigenen Angaben nie, weitere 30 Prozent höchstens einmal im Jahr. Eine Information per Brief hielten dagegen 84 Prozent für angemessen.
Die großen Kassen wollen nach eigenen Angaben trotzdem informieren — Techniker, AOK, Barmer und DAK verwiesen auf Webseiten, Mitgliederzeitschriften und weitere Kanäle. Eine Garantie ist das nicht.
Ein bis zwei Euro pro Brief — dafür die Transparenz
Was wird gespart? Nach Branchenschätzungen kosteten Druck und Versand eines Schreibens zwischen einem und zwei Euro. Bei 58,6 Millionen zahlenden Mitgliedern summiert sich das auf Millionen — gemessen an einem System, in dem im kommenden Jahr Medienberichten zufolge ein Milliardenloch droht, bleibt es dennoch ein überschaubarer Posten.
Der Zusatzbeitrag wird von jeder Kasse selbst festgelegt und liegt im Schnitt bei 3,1 Prozent, die Spanne reicht von 2,18 bis 4,39 Prozent. Hinzu kommt der allgemeine Satz von 14,6 Prozent des Bruttolohns. Ein Wechsel kann also Hunderte Euro im Jahr bedeuten.
Politik im Rückwärtsgang?
Die Reform wurde im Juli beschlossen, seit Ende Juli gilt die neue Regel. Bereits wenige Tage nach dem Beschluss forderten SPD-Politiker Berichten zufolge eine Rolle rückwärts. Anfang September signalisierte die Bundesregierung laut Fachmedien jedoch, an der Abschaffung festhalten zu wollen.
Aus Sicht unserer Redaktion ist das ein Lehrstück: Gespart wird dort, wo es am wenigsten wehtut — bei der Information des Beitragszahlers. Wer sein Geld schützen will, sollte den eigenen Beitragssatz künftig selbst im Blick behalten. Zum Jahreswechsel lohnt der Vergleich mehr denn je.
Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und stellt keine Rechts-, Steuer- oder Anlageberatung dar. Er gibt die Einschätzung der Redaktion auf Basis der uns vorliegenden Informationen wieder. Für individuelle Entscheidungen wenden Sie sich bitte an fachkundige Stellen.
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