
Blutiger CSD in Berlin: Tödliche Todesfahrt trotz 250 Sperren – wie konnte das geschehen?

Es sollte ein Abend des Feierns werden, endete aber in einer Tragödie. Am Rande des Berliner Christopher Street Days raste ein Fahrzeug in eine Menschenmenge – ein Todesopfer, mehr als ein Dutzend Verletzte, zwei davon in kritischem Zustand. Und wieder einmal steht die deutsche Hauptstadt vor der bitteren Frage: Wie sicher ist dieses Land eigentlich noch?
Der Tathergang: Ein weißer Van, ein Baum, ein Toter
Nach Angaben der Polizei soll kurz vor 22 Uhr ein Fahrer mit einem weißen Kleintransporter im Großen Tiergarten über den Ahornsteig, parallel zur Lennéstraße, gerast sein. Mehrere Menschen wurden angefahren, womöglich sogar überrollt. Das Fahrzeug kollidierte schließlich mit einem Baum. Der Fahrer flüchtete daraufhin zu Fuß in unbekannte Richtung.
Besonders beunruhigend: Die Ermittler prüfen, ob es nach der eigentlichen Todesfahrt eine zweite Tatphase gegeben habe. Zeugen berichteten von Menschen mit Stichverletzungen. Ob also nach der Fahrt jemand mit einer Stichwaffe auf Personen eingewirkt habe, sei Bestandteil der Ermittlungen, hieß es von Seiten der Polizei. Spezialkräfte griffen im Berliner Stadtteil Schöneberg zu – ob dabei tatsächlich ein oder mehrere Täter gefasst wurden, blieb zunächst unklar.
250 Sperren – und trotzdem drin?
Und hier beginnt das eigentliche Skandalon dieser Geschichte. Nach Polizeiangaben seien den ganzen Tag über mehr als 250 sogenannte Zufahrtschutzelemente rund um den Tiergarten aufgestellt gewesen. Ein Sprecher brachte die Ratlosigkeit der Behörden auf den Punkt:
„Eigentlich konnte hier gar keiner reinfahren.“
Eigentlich. Ein Wort, das in Deutschland inzwischen zum traurigen Synonym für das Versagen staatlicher Schutzversprechen geworden ist. Wie konnte ein Fahrzeug trotz eines derartigen Sperr-Aufgebots in die Menschenmenge gelangen? Wer diese Frage stellt, stellt zugleich die Frage nach der Kompetenz der Sicherheitsplanung in einer Stadt, die bereits 2016 mit dem Anschlag auf dem Breitscheidplatz eine der schwersten Wunden ihrer jüngeren Geschichte erlitten hat.
Die Politik reagiert – mit den üblichen Floskeln
Bundeskanzler Friedrich Merz verurteilte die Todesfahrt als „abscheuliche Tat“ und stehe nach eigenen Angaben in engstem Kontakt mit Bundesinnenminister Alexander Dobrindt. Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner sprach von einem „Angriff auf unsere freie und weltoffene Gesellschaft“.
So verständlich Betroffenheit auch sein mag – für die Angehörigen des Todesopfers dürften salbungsvolle Worte ein schwacher Trost sein. Denn Betroffenheitsrhetorik ersetzt keine funktionierende Sicherheitspolitik. Bezeichnend ist, dass der SPD-Stadtentwicklungssenator Christian Gaebler sogleich vor „Spekulationen“ über den Hintergrund warnte. Man kenne noch nichts über Motivlage oder Täter, hieß es. Ein Reflex, den man in diesem Land inzwischen kennt: Erst einmal beschwichtigen, bevor unbequeme Fragen überhaupt gestellt werden dürfen.
Ein Muster, das sich wiederholt
Ob es sich um einen politisch motivierten Anschlag, eine Verzweiflungstat oder etwas gänzlich anderes handelt, ist zum jetzigen Zeitpunkt tatsächlich noch nicht geklärt. Doch unabhängig vom konkreten Motiv reiht sich dieser Vorfall in eine erschreckende Serie ein. Todesfahrten, Messerangriffe, Attacken auf öffentliche Veranstaltungen – die gefühlte wie die tatsächliche Sicherheit im öffentlichen Raum bröckelt zusehends. Die Kriminalstatistik erreicht Rekordniveau, und ein Großteil der Bevölkerung teilt längst das mulmige Gefühl, dass die Politik dieser Entwicklung ratlos gegenübersteht.
Es ist eben nicht nur die Meinung unserer Redaktion, sondern die Wahrnehmung eines erheblichen Teils der Bürger dieses Landes: Wer Menschen bei einer öffentlichen Veranstaltung nicht mehr schützen kann – trotz Hunderten Sperrelementen –, der muss sich fragen lassen, ob die Prioritäten in der deutschen Sicherheitspolitik noch stimmen.
Wenn Sicherheit zur Illusion wird
Stephan Weh, Landeschef der Gewerkschaft der Polizei in Berlin, fand deutliche Worte: Die Tat treffe Berlin „voll ins Mark“. Sein Dank an die Einsatzkräfte, die in einer psychisch extrem angespannten Lage hochprofessionell gehandelt und Menschenleben gerettet hätten, ist mehr als berechtigt. Die Beamten vor Ort tragen keine Schuld – sie tun ihren Dienst unter Bedingungen, die politisch verantwortet werden.
„Der Terror darf nie gewinnen“, sagte Weh. Ein Satz, der wahr ist. Doch damit er wahr bleibt, braucht es mehr als Kerzen und Trauerreden. Es braucht eine Politik, die den Schutz der eigenen Bürger endlich wieder zur obersten Pflicht erklärt – statt sich in wohlfeilen Bekenntnissen zur Weltoffenheit zu erschöpfen.
Hinweis: Die Ermittlungen dauern zum Zeitpunkt der Veröffentlichung an. Angaben zu Tathergang, Opferzahlen und möglichen Tätern beruhen auf den zum aktuellen Stand vorliegenden behördlichen Informationen und können sich im Laufe der weiteren Aufklärung ändern.
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