
Brüsseler Doppelmoral: Belgien deckt seinen kompletten LNG-Bedarf in Russland – und Deutschland hängt am Tropf

Man muss dieses Schauspiel zweimal lesen, um es zu glauben. Während die Europäische Union seit Jahren wortreich erklärt, sie werde sich von russischer Energie befreien, hat Belgien im Juli offenbar ausschließlich russisches Flüssigerdgas eingekauft. Kein Katar, kein Amerika, kein Norwegen – nur Russland. Schiffsbewegungsdaten, die Bloomberg ausgewertet hat, legen es nahe: Rund 0,4 Millionen Tonnen LNG, komplett aus dem Reich, das man offiziell sanktioniert. Die belgischen Gesamtimporte fielen dabei um mehr als 40 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Was übrig blieb, kam vom "Feind".
Zeebrügge – Europas Drehscheibe, Deutschlands Hintertür
Nun könnte man sagen: Belgiens Problem. Doch das wäre gefährlich naiv. Das Terminal Zeebrügge gehört zu den wichtigsten LNG-Umschlagplätzen des Kontinents, Belgien war 2025 der fünftgrößte Flüssiggas-Importeur Europas. Und über das europäische Gasnetz erreichen die dort angelandeten Mengen teilweise weiterhin die Bundesrepublik. Vor dem hektischen Bau der eigenen Importterminals war Zeebrügge ohnehin eine der Lebensadern der deutschen Gasversorgung.
Wir haben also Milliarden in schwimmende Terminals gepumpt, unsere Bürger mit Rekordpreisen zur Kasse gebeten – und beziehen am Ende über Bande doch russisches Gas. Das nennt man in Berlin wohl "Energiewende".
Der Iran-Krieg schickt die Preise nach oben – und Russland zurück ins Spiel
Der Grund für Belgiens Einkaufsverhalten ist erschreckend simpel: Der Krieg im Iran und die Unsicherheit rund um die Straße von Hormus haben den globalen LNG-Handel erschüttert und die Preise nach oben getrieben. Europäische Versorger hielten sich mit Zukäufen für den Winter zurück. Was blieb, war das vergleichsweise günstige Gas aus der russischen Arktis. Bereits im ersten Halbjahr 2026 importierte die EU laut der Umweltorganisation Urgewald rund 16 Prozent mehr russisches LNG als ein Jahr zuvor – für stolze 5,96 Milliarden Euro. Neben Belgien griffen auch Frankreich und Spanien kräftig zu.
Fast das gesamte EU-LNG aus Russland stammt aus dem Projekt Yamal, betrieben von Novatek, hinter dem die Oligarchen Leonid Michelson und Gennadi Timtschenko stehen. Gazprom hält knapp zehn Prozent. Und – ein Detail, das man in Paris nicht gern betont – TotalEnergies hält 19,4 Prozent. Der französische Konzern will nach eigenen Angaben bereits von der EU-Ausnahme für den Weiterverkauf russischen LNG in Drittstaaten profitieren. Sanktionen für die Öffentlichkeit, Ausnahmen für die eigenen Champions.
Und die Bundesregierung? Prüft.
Der bundeseigene Berliner Importeur Sefe, vormals Gazprom Germania, sitzt auf einem Altvertrag von 2015: 2,9 Millionen Tonnen LNG jährlich aus Yamal – bis 2040. Man prüfe derzeit die Auswirkungen des 21. Sanktionspakets, ließ das Unternehmen wissen. Übersetzt: Man hofft, unter die Weiterverkaufs-Ausnahme zu fallen, um das russische Gas künftig nach Asien schieben zu können, anstatt sich weiter auf höhere Gewalt berufen zu müssen. Denn Take-or-pay-Klauseln kennen kein Mitleid: abnehmen oder zahlen.
Ab Januar 2027 soll das LNG-Verbot greifen, ab November 2027 auch das für Pipeline-Gas. Fünf Monate vorher kauft ein Mitgliedstaat noch zu hundert Prozent russisch. Wer da noch an eine kohärente europäische Energiestrategie glaubt, glaubt wohl auch an pünktliche Bahnfahrpläne.
Was der Bürger daraus lernen sollte
Diese Episode zeigt exemplarisch, wie fragil unsere Energieversorgung geworden ist – und wie wenig verlässlich politische Ankündigungen sind. Wer sich auf Papierversprechen aus Brüssel oder Berlin verlässt, hat schon verloren. Sachwerte hingegen brauchen keine Ausnahmegenehmigung, keine Force-majeure-Klausel und kein Sanktionspaket. Physisches Gold und Silber liegen im Tresor und nicht in einem Tanker vor Zeebrügge, dessen Herkunftsland man offiziell boykottiert.
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