
Clinton vor Epstein-Ausschuss: Erinnerungslücken als Verteidigungsstrategie
Es ist ein Schauspiel, das seinesgleichen sucht – und doch so vorhersehbar ist wie der Sonnenaufgang. Der ehemalige US-Präsident Bill Clinton sitzt vor dem Aufsichtsausschuss des Repräsentantenhauses und tut das, was Politiker in die Enge getriebener Couleur seit jeher am besten können: Er erinnert sich nicht. Schon vor Beginn seiner Vernehmung zur Epstein-Affäre ließ der 42. Präsident der Vereinigten Staaten wissen, dass er häufig genau diese drei Worte verwenden werde. Man könnte fast meinen, die Amnesie sei eine Berufskrankheit der politischen Klasse.
Unter Eid, aber ohne Erinnerung
Clinton veröffentlichte seine Eröffnungserklärung vorab auf der Plattform X – ein taktischer Schachzug, der ihm die Deutungshoheit über die ersten Schlagzeilen sichern sollte. In dem als Rede-Manuskript gekennzeichneten Dokument beteuert er unter Eid, er habe „nichts Unrechtes getan" und „keine Ahnung von den Verbrechen" Jeffrey Epsteins gehabt. Seine Bekanntschaft mit dem verurteilten Sexualstraftäter sei nur kurz gewesen und habe Jahre vor dem Bekanntwerden der Straftaten geendet.
Besonders bemerkenswert ist die rhetorische Konstruktion, mit der Clinton seine Position untermauert: Er wisse, was er gesehen habe – und vor allem, was er nicht gesehen habe. Er wisse, was er getan habe – und vor allem, was er nicht getan habe. Eine Formulierung, die so geschliffen ist, dass man dahinter ganze Heerscharen von Anwälten vermuten darf. Wer so spricht, hat nicht vor, irgendetwas dem Zufall zu überlassen.
Der „Detektiv"-Trick
Geradezu dreist mutet Clintons Ankündigung an, er werde nicht „Detektiv spielen". Mehr als zwei Jahrzehnte nach den Ereignissen könne er nicht spekulieren oder raten, heißt es in seinem Manuskript. Das mag juristisch klug sein. Moralisch hinterlässt es einen schalen Beigeschmack. Denn die Opfer Epsteins – jene Mädchen und Frauen, deren Leben der Milliardär systematisch zerstörte – warten seit Jahren auf Antworten. Clinton selbst räumt ein, diese Opfer verdienten „nicht nur Gerechtigkeit, sondern auch Heilung". Doch wie soll Heilung eintreten, wenn diejenigen, die möglicherweise etwas wissen, sich hinter Erinnerungslücken verschanzen?
Die persönliche Karte: Häusliche Gewalt als Argument
In einem bemerkenswerten persönlichen Einschub verweist Clinton auf seine eigene Kindheit in einem von häuslicher Gewalt geprägten Haushalt. Hätte er auch nur eine Ahnung von Epsteins Taten gehabt, so beteuert er, wäre er niemals mit dessen Privatflugzeug geflogen – er hätte ihn vielmehr selbst angezeigt. Eine emotionale Verteidigungslinie, die geschickt gewählt ist, aber die zentrale Frage nicht beantwortet: Wie konnte ein Mann, der über einen der mächtigsten Geheimdienst- und Sicherheitsapparate der Welt verfügte, nichts von den Machenschaften eines Mannes mitbekommen haben, mit dem er nachweislich mehrfach reiste und sich traf?
Hillary Clinton: Sechs Stunden Befragung ohne Ergebnis?
Einen Tag vor Bill Clinton war bereits seine Ehefrau Hillary Clinton mehr als sechs Stunden lang vom Ausschuss befragt worden. Bill Clinton kritisierte die Vorladung seiner Frau scharf und erklärte, sie habe nichts mit Epstein zu tun gehabt und könne sich nicht einmal daran erinnern, ihn jemals getroffen zu haben. Die Demokraten im Ausschuss schlossen sich dieser Kritik an und warfen den Republikanern vor, die Untersuchung politisch aufzuladen, anstatt sie auf weitere Personen aus Epsteins Netzwerk auszuweiten.
Und genau hier liegt der Kern des Problems. Denn Epsteins Kontaktnetzwerk umfasste nicht nur die Clintons, sondern eine schwindelerregende Anzahl von Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft – auf beiden Seiten des politischen Spektrums. Erst kürzlich trat WEF-Chef Børge Brende wegen seiner Epstein-Kontakte zurück. Die Liste derer, die Fragen beantworten müssten, ist lang. Sehr lang.
Ein System des Schweigens
Jeffrey Epstein wurde 2019 in seiner Gefängniszelle leblos aufgefunden. Offiziell handelte es sich um Suizid – eine Darstellung, an der bis heute erhebliche Zweifel bestehen. Die Umstände seines Todes, die mysteriösen Kameraausfälle, die eingeschlafenen Wärter: All das nährt Verschwörungstheorien, die sich hartnäckig halten, weil die offizielle Version schlicht zu viele Fragen offenlässt.
Die Aufarbeitung des Epstein-Skandals ist ein Lehrstück darüber, wie die Mächtigen dieser Welt mit unbequemen Wahrheiten umgehen. Man erinnert sich nicht. Man spekuliert nicht. Man spielt nicht „Detektiv". Und während die politische Klasse ihre Wagenburg errichtet, bleiben die Opfer mit ihrem Schmerz allein. Es ist bezeichnend, dass die Vernehmung hinter verschlossenen Türen stattfindet und der Ausschuss lediglich ankündigte, Videoaufnahmen „zu einem späteren Zeitpunkt" veröffentlichen zu wollen. Wann und in welcher Form – das bleibt, wie so vieles in dieser Affäre, im Dunkeln.
Was bleibt?
Die Epstein-Affäre ist mehr als ein Kriminalfall. Sie ist ein Spiegel einer politischen und gesellschaftlichen Elite, die sich für unantastbar hält. Ob Bill Clintons Erinnerungslücken jemals geschlossen werden, darf bezweifelt werden. Sicher ist nur eines: Das Vertrauen der Bürger in ihre politischen Institutionen – diesseits und jenseits des Atlantiks – erodiert mit jeder solchen Anhörung ein Stück weiter. Und das völlig zu Recht.
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