
Drei Millionen Arbeitslose: Deutschland verwaltet seinen eigenen Abstieg

Die Schallmauer ist wieder durchbrochen. Im Juli lag die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland erstmals seit April erneut über der Marke von drei Millionen – ein Plus von 71.000 Menschen gegenüber dem Vormonat. Zuletzt gab es solche Jahresdurchschnittswerte im Jahr 2010. Damals sprach man von einer Krise. Heute spricht man von „Saisoneffekten“.
Saisoneffekte im Sommer, im Winter, im Frühling – und im Herbst
Es ist bemerkenswert, mit welcher Ausdauer die Bundesregierung dieselbe Vokabel recycelt. Ferienzeit, Schulabgänger, Quartalswechsel – irgendein Kalenderblatt findet sich immer, wenn die Statistik unangenehm wird. Nur: Rechnet man diese Effekte heraus, bleibt immer noch ein saisonbereinigtes Plus von 6.000 Arbeitslosen. Die Quote klettert auf 6,4 Prozent. Und die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten liegt um 69.000 unter dem Vorjahr.
Gleichzeitig melden Betriebe 653.000 offene Stellen. Wer also die immer gleiche Erzählung vom „Fachkräftemangel“ bemüht, sollte erklären, warum Unternehmen zögern, obwohl sie suchen. Die Antwort ist unbequem: Es ist nicht der Mangel an Menschen, es ist der Mangel an Vertrauen. Wer nicht weiß, was Energie im nächsten Winter kostet, welche Auflage aus Brüssel als nächstes kommt und wie viel der Finanzminister demnächst abschöpft, der stellt niemanden ein.
Zwanzig Jahre Reformverweigerung
Die Wurzeln liegen tiefer als in einem Sommerloch. Seit fast zwei Jahrzehnten hat dieses Land keine echte Arbeitsmarktreform mehr gesehen. In den fetten Jahren der Kanzlerschaft Merkels wurde verwaltet, nicht reformiert. Dann kam Corona. Danach kam eine Ampel, die statt Bürokratieabbau neue Klimaziele, neue Vorschriften und neue Kosten produzierte. Und nun der selbsterklärte „Wirtschaftskanzler“ Merz, der von den ideologischen Fesseln nichts löst, während Finanzminister Klingbeil eine Steuer nach der anderen anhebt und die Sozialabgaben für Rente, Gesundheit und Pflege munter weitersteigen.
Arbeit lohnt sich in Deutschland immer weniger – für Arbeitnehmer nicht, für Arbeitgeber schon lange nicht mehr.
Die Industrie blutet aus
Das verarbeitende Gewerbe hat 170.000 Stellen verloren. Metall, Elektro und Stahl weitere 123.000. Der Handel rund 50.000. Selbst die einstigen Hoffnungsträger schwächeln: Die IT-Branche liegt 21.000 Stellen unter Vorjahr, bei qualifizierten Unternehmensdienstleistern kamen zuletzt kümmerliche 2.000 Jobs hinzu – nach Jahren mit sechsstelligen Zuwächsen. Werke werden geschlossen, Standorte verlagert, Traditionsunternehmen verschwinden ganz. Das ist kein Strukturwandel. Das ist Substanzverlust.
Das eigentliche Teilzeitparadies heißt Staat
Gehalten wird der Arbeitsmarkt fast ausschließlich von der öffentlichen Hand: Gesundheit, Pflege und Verwaltung haben seit 2019 rund 871.000 Stellen geschaffen. Und seit Anfang 2024 wächst Beschäftigung praktisch nur noch über Teilzeit – 160.000 neue Teilzeitstellen gegen ein Minus von 230.000 Vollzeitstellen. Wenn der Kanzler also über die „Teilzeitmentalität“ der Deutschen klagt, dürfte ein Blick in den eigenen Apparat lehrreich sein. Die Privatwirtschaft schrumpft, der Staat wächst, die Staatsquote liegt jenseits von 50 Prozent. Staatswirtschaft als Rettungsplan – das hat historisch selten funktioniert.
Wachstum? Kaum messbar
Das Bruttoinlandsprodukt legte im letzten Quartal um 0,2 Prozent zu, im Jahresvergleich um 0,4 Prozent. Statistisches Rauschen. Wirtschaftsforscher rechnen für das dritte Quartal bereits mit einem Minus von 0,1 bis 0,2 Prozent, für das Gesamtjahr mit vielleicht einem halben Prozent. Und die vollen Auftragsbücher, auf die die Regierung so gern verweist? Die liegen in deutschen Chefetagen – produziert wird immer häufiger jenseits der Grenzen.
Künstliche Intelligenz macht das Problem größer, nicht kleiner
Wer glaubt, ein Konjunkturfrühling brächte die Jobs zurück, unterschätzt die Automatisierung. Maschinen und Algorithmen arbeiten rund um die Uhr, verlangen keinen Lohn, zahlen keine Sozialabgaben. Für geringqualifizierte Tätigkeiten entstehen also nicht nur heute keine Stellen – morgen erst recht nicht. Genau deshalb ist ein ungesteuerter Zuzug von Menschen ohne Qualifikation ökonomischer Unsinn. Gefragt wäre Hochqualifikation. Geliefert wird Sozialstaatsbelastung.
Der Sozialstaat selbst hängt längst am Tropf der Rekordschulden. Wenn die Drei fällt, sind Vier und Fünf keine Fantasiezahlen mehr. Es ist offensichtlich, was zu tun wäre: Energiekosten senken, Bürokratie abbauen, Migration steuern, Auflagen streichen. Es ist genauso offensichtlich, dass nichts davon geschieht.
Was bleibt dem Bürger?
Wer sein Erspartes einer Volkswirtschaft anvertraut, die durch Schulden „notbeatmet“ wird, sollte sich fragen, was Kaufkraft in zehn Jahren noch wert ist. Historisch haben physische Edelmetalle wie Gold und Silber in Phasen politischer Fehlsteuerung und schuldenfinanzierter Staatsausgaben ihre Rolle als wertbeständige Beimischung eines breit gestreuten Vermögens behauptet – unabhängig von Regierungsprogrammen und Statistikkosmetik.
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