
Finnlands Präsident fordert Europas Unterwerfung unter die neue Weltordnung – und Berlin schweigt

Während sich die westliche Welt in einer beispiellosen geopolitischen Umbruchphase befindet, meldet sich der finnische Präsident Alexander Stubb mit einem bemerkenswerten Buch zu Wort. Sein Werk „Machtdreieck – die Neuordnung der Welt" liest sich wie ein Manifest der Selbstaufgabe: Europa solle seine „überkommene Weltordnung" hinter sich lassen, in der – so Stubbs Lesart – „die Minderheit des Westens über die Mehrheit der Welt bestimmt" habe. Was auf den ersten Blick nach diplomatischer Weitsicht klingt, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als gefährliche Naivität.
Die Dreiteilung der Welt – eine westliche Selbsttäuschung
Stubb teilt den Globus in drei Sphären auf: den „globalen Osten" mit Russland und China, den „globalen Süden" mit Indien, Brasilien und Südafrika sowie den „globalen Westen" mit Europa und den USA. Eine hübsche Schablone, die allerdings die Realität grotesk vereinfacht. Denn die BRICS-Staaten arbeiten seit anderthalb Jahrzehnten eng zusammen, und die Trennlinie zwischen „Osten" und „Süden" ist längst verwischt. Wer glaubt, Indien gegen China ausspielen zu können, hat die Dynamik dieser Allianz nicht verstanden.
Besonders aufschlussreich sind die Zahlen der Münchner Sicherheitskonferenz: Über 60 Prozent der Inder blicken demnach optimistisch in die Zukunft, in China seien es sogar 80 Prozent. In Deutschland und Großbritannien hingegen befürchte mehr als die Hälfte der Bevölkerung, dass die Lage schlechter werde. In Frankreich sogar 60 Prozent. Das ist keine bloße Statistik – das ist ein vernichtendes Zeugnis für die Politik der vergangenen Jahre.
„Wertebasierter Realismus" – oder doch nur Kapitulation auf Raten?
Stubbs Kernthese lautet: Europa müsse einen „wertebasierten Realismus" praktizieren. Man solle die eigenen liberalen Werte hochhalten, aber „demütig und respektvoll" mit jenen zusammenarbeiten, die diese Werte nicht teilten. Klingt vernünftig? Nur auf den ersten Blick. Denn was der finnische Präsident hier als pragmatische Kooperation verkauft, ist in Wahrheit die Aufforderung, „von Zeit zu Zeit Kompromisse bei den eigenen Werten einzugehen". Man fragt sich unwillkürlich: Bei welchen Werten genau? Bei der Meinungsfreiheit? Bei der Rechtsstaatlichkeit? Bei den Menschenrechten?
Es ist bezeichnend, dass ausgerechnet ein europäischer Staatschef dazu aufruft, sich den autoritären Mächten dieser Welt anzubiedern – während gleichzeitig der Ukraine-Krieg in sein viertes Jahr geht und China seine militärische Präsenz im Pazifik massiv ausbaut. Die Vorstellung, man könne mit Peking und Moskau auf Augenhöhe über „Mitbestimmung" verhandeln, grenzt an politische Traumtänzerei.
Europas eigentliches Problem: Schwäche statt Stärke
Was Stubb und viele seiner europäischen Kollegen nicht begreifen wollen: Der globale Süden respektiert Europa nicht für seine Demut, sondern für seine Stärke. Oder besser gesagt: Er würde Europa respektieren, hätte der Kontinent noch welche vorzuweisen. Stattdessen hat sich Europa – und allen voran Deutschland – in den vergangenen Jahren systematisch selbst geschwächt. Energiepolitischer Wahnsinn, industrieller Niedergang, eine Verteidigungspolitik, die diesen Namen kaum verdient, und eine Migrationskrise, die das gesellschaftliche Gefüge bis an die Belastungsgrenze strapaziert.
Stubb stellt zu Recht fest, dass die aufsteigenden Länder dem Westen nicht mehr einfach folgen würden – „auch die Demokratien nicht". Und er fügt hinzu, dass dies noch nicht alle in Europa verstanden hätten, „auch der Bundeskanzler nicht". Eine bemerkenswerte Spitze gegen Friedrich Merz, die man in Berlin vermutlich achselzuckend zur Kenntnis nehmen wird. Denn die neue Große Koalition aus CDU/CSU und SPD ist derzeit vor allem damit beschäftigt, ein 500-Milliarden-Euro-Sondervermögen zu verteilen, das kommende Generationen mit Schulden belastet – während die geopolitische Neuordnung der Welt an Deutschland vorbeizieht.
Die eigentliche Frage bleibt unbeantwortet
Was Europa tatsächlich bräuchte, ist nicht weniger Selbstbewusstsein, sondern mehr. Nicht die devote Anpassung an eine von China und Russland mitgestaltete „gerechtere Weltordnung", sondern eine klare Rückbesinnung auf die eigenen Stärken. Wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, technologische Innovation, militärische Abschreckungsfähigkeit – das sind die Währungen, die in der Geopolitik zählen. Nicht wohlfeile Reden über „Demut" und „Respekt".
Die Idee, Europa und der globale Süden könnten gemeinsam „globale Institutionen und Regeln etablieren, die jedem Hegemon einen Alleingang so schwer wie möglich machen", klingt auf dem Papier bestechend. In der Praxis scheitert sie an einer simplen Tatsache: Wer selbst schwach ist, kann anderen keine Regeln auferlegen. Und Europa ist derzeit schwächer, als es seit dem Ende des Kalten Krieges je war.
Vielleicht sollte der finnische Präsident weniger über die Neuordnung der Welt philosophieren und stattdessen darüber nachdenken, wie Europa seine eigene Ordnung wiederherstellen kann. Denn eines ist gewiss: Wer zu Hause nicht aufräumt, wird auf der Weltbühne nicht ernst genommen. Das gilt für Helsinki ebenso wie für Berlin.












