
Grenzkontrollen als Kulisse? 38.000 Asylanträge kamen am Zaun vorbei

Die Bundesregierung feiert ihre Grenzkontrollen als Erfolg – die Zahlen der Behörden erzählen eine andere Geschichte. Im ersten Halbjahr 2026 wurden laut Angaben der Bundespolizei, die diese auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag mitteilte, 20.095 Ausländer an den Landgrenzen zurückgewiesen, dazu 4.573 an Flughäfen und 197 an den Seegrenzen. Nur 1.576 dieser Menschen stellten überhaupt einen Asylantrag, 1.030 wurden ins Land gelassen.
Die Rechnung, die nicht aufgeht
Rechnerisch dürfte es im ersten Halbjahr also gut tausend neue Asylanträge geben. Tatsächlich registrierte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) im gleichen Zeitraum 39.646 Asylerstanträge.
Bleibt eine LĂĽcke von rund 38.600 Personen. Sie kamen offenkundig nicht ĂĽber Autobahn-Kontrollstellen, sondern an ihnen vorbei: ĂĽber LandstraĂźen, Feld- und Waldwege, die in der Regel nicht ĂĽberwacht werden.
„Zwei Kilometer weiter über die grüne Grenze“
Ein ehemaliger Bundespolizist beschrieb das Dilemma im August mit bitterer Klarheit:
„Bereitschaftspolizisten schlagen sich Tage und Nächte um die Ohren, um Menschen zu sagen: Du darfst nicht rein! Dann gehen Sie zwei Kilometer weiter über die grüne Grenze.“
Bestätigung kommt von der anderen Seite der Grenze. Der Bürgermeister der niederländischen Stadt Nimwegen, Hubert Bruns, erklärte Anfang Juni im Deutschlandfunk, auf den Autobahnen werde streng kontrolliert, kleinere Nebenwege blieben faktisch offen. Kriminelle und Schleuser könnten die Kontrollen deshalb leicht umfahren.
Wenn Zahlen sinken, aber das System bleibt
Ehrlichkeit gebietet es, die zweite Hälfte der Statistik zu nennen: Die Asylzahlen sind deutlich gefallen. Medienberichten zufolge lagen die Erstanträge im ersten Halbjahr 2026 mehr als ein Drittel unter dem Vorjahreswert, im Juli 2026 sogar rund 48 Prozent unter Juli 2025. Nur: Ein Rückgang ist keine Kontrolle. Hochgerechnet läuft das Jahr auf etwa 80.000 Erstanträge zu – und das ohne Familiennachzug.
Genau hier wird es unübersichtlich. Der Ausgangsbericht spricht von 250.000 Ausländern, die 2025 über den Familiennachzug ins Land kamen. Nach Angaben des Auswärtigen Amtes, über die mehrere Medien berichteten, wurden 2025 rund 128.000 Visa zum Familiennachzug für Angehörige von Drittstaatsangehörigen erteilt; bis Ende November waren es gut 101.000. Hauptherkunftsländer sind demnach Afghanistan, Syrien, die Türkei und der Irak.
200.000 Ausreisepflichtige – und kaum Abschiebungen
Im Frühjahr galten rund 200.000 abgelehnte Asylbewerber als ausreisepflichtig. Abgeschoben wird ein Bruchteil. Immerhin: Laut Behördenangaben reisten im ersten Halbjahr 2026 fast 9.300 Menschen freiwillig aus – gegenüber 200.000 eine Randnotiz.
Bundeskanzler Friedrich Merz hatte im April erklärt, „große Teile“ des Asylproblems seien gelöst. Aus Sicht unserer Redaktion ist das eine kühne Deutung der eigenen Statistik. Wer Kontrollen dort aufbaut, wo Kameras stehen, und dort nicht, wo die Schleuser fahren, betreibt Symbolpolitik – teuer bezahlt mit den Nachtschichten der Bundespolizei.
Bemerkenswert bleibt ein anderer Merz-Satz von vor einem Jahr: Dieses System könne man sich nicht mehr leisten. Gemeint war der Sozialstaat. Recht hatte er in jedem Fall – nur handelt es sich bislang eher um Ankündigung als um Politik.
Hinweis: Dieser Beitrag stellt keine Rechtsberatung dar. Er gibt die Einschätzung unserer Redaktion auf Grundlage der uns vorliegenden Informationen wieder.
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