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Kettner Edelmetalle
18.02.2026
14:41 Uhr

Jungheinrich opfert profitables deutsches Werk auf dem Altar der Globalisierung

Es ist eine Nachricht, die wie ein Faustschlag in die Magengrube des deutschen Industriestandorts wirkt: Der Hamburger Gabelstapler-Hersteller Jungheinrich schließt sein Werk in Lüneburg und streicht rund 500 Arbeitsplätze allein in Deutschland. Spätestens Ende März 2027 sollen die Maschinen in Niedersachsen verstummen – und das, obwohl die dortige Produktion nach Gewerkschaftsangaben profitabel arbeitet. Man reibt sich die Augen.

Kein Sanierungsfall, sondern kaltes Kalkül

Was diesen Fall so besonders bitter macht, ist die Tatsache, dass hier kein marodes Unternehmen um sein Überleben kämpft. Ganz im Gegenteil: Die börsennotierte Jungheinrich AG erwirtschaftete 2024 einen Überschuss von stolzen 289 Millionen Euro bei einem Umsatz von rund 5,4 Milliarden Euro. Bis 2030 peilt der Konzern sogar die Zehn-Milliarden-Marke an. Wachstum also – nur eben nicht für die deutschen Beschäftigten.

Lennard Aldag von der IG Metall Celle-Lüneburg brachte es auf den Punkt: Man spreche hier nicht über einen Sanierungsfall, sondern über die Aufgabe einer profitablen Produktion. Was für ein verheerendes Signal an die Belegschaften dieses Landes! Wenn selbst gewinnbringende Standorte geschlossen werden, welche Sicherheit hat dann überhaupt noch ein deutscher Industriearbeiter?

Der Preisdruck aus Fernost als willkommene Ausrede?

Als Begründung führt Jungheinrich den massiven Preisdruck asiatischer – insbesondere chinesischer – Anbieter ins Feld. Tatsächlich kosten Gabelstapler aus dem Reich der Mitte im mittleren Einsatzsegment nur etwa die Hälfte dessen, was für ein vergleichbares Jungheinrich-Modell fällig wird. Technisch seien die Produkte zwar nicht auf Augenhöhe, doch viele Käufer schauten eben zuerst auf den Preis.

Doch statt die eigene Wettbewerbsfähigkeit am Standort Deutschland zu stärken, geht der Konzern einen Weg, der geradezu zynisch anmutet: In einem Gemeinschaftsunternehmen mit dem Investor EP vertreibt Jungheinrich seit Herbst in Europa Fahrzeuge des drittgrößten chinesischen Herstellers. Man holt sich also die Billigkonkurrenz ins eigene Haus, während man gleichzeitig die heimische Fertigung abwickelt. Deutsche Arbeitsplätze werden vernichtet, chinesische Produkte unter eigenem Label verkauft. Willkommen in der neuen Konzernlogik.

Weltweit 1.000 Stellen weniger – Deutschland trägt die Hauptlast

Insgesamt baut Jungheinrich rund 1.000 Stellen weltweit ab. Dass davon die Hälfte auf Deutschland entfällt, obwohl der Konzern in 41 Auslandsorganisationen aktiv ist, spricht Bände. Am härtesten trifft es die Standorte Lüneburg und Norderstedt mit jeweils dreistelligen Stellenverlusten. Auch in der Hamburger Zentrale und in der Vertriebsorganisation wird der Rotstift angesetzt.

In Lüneburg verlieren 160 Produktionsmitarbeiter ihren Arbeitsplatz. Immerhin sollen Konstruktion und Verwaltung mit 125 Stellen am Standort verbleiben – ein schwacher Trost für eine Stadt, die einen wichtigen industriellen Arbeitgeber verliert. Ein Sozialplan mit Abfindungen und einer Transfergesellschaft wurde nach zähen Verhandlungen vereinbart. Jungheinrich nennt das eine „sozialverträgliche Lösung". Die IG Metall sieht das naturgemäß anders.

Über 80 Tage Streik – und dennoch vergeblich

Die Belegschaft hat sich nicht kampflos ergeben. Seit dem 20. November befanden sich die Produktionsbeschäftigten in einem unbefristeten Streik. Über 80 Tage lang stand die Fertigung immer wieder still, Kunden und Lieferketten spürten die Auswirkungen deutlich. Doch am Ende half auch dieser lange und entschlossene Arbeitskampf nicht, die Werkschließung abzuwenden. Was bleibt, ist ein Sozialplan – und die bittere Erkenntnis, dass Konzernentscheidungen in der globalisierten Wirtschaft oft über die Köpfe der Betroffenen hinweg getroffen werden.

Ein Symptom der deutschen Standortschwäche

Der Fall Jungheinrich reiht sich nahtlos ein in eine besorgniserregende Serie von Werksschließungen und Stellenstreichungen, die den Industriestandort Deutschland seit Jahren aushöhlen. Ob Automobilzulieferer, Chemieriesen oder nun eben Intralogistik-Spezialisten – die Abwanderung von Produktionskapazitäten hat längst systemische Ausmaße angenommen. Die Gründe sind vielfältig: explodierende Energiekosten, eine erdrückende Bürokratie, eine Steuerlast, die international ihresgleichen sucht, und eine Politik, die sich lieber mit Gendersternchen und Klimazielen beschäftigt als mit der Frage, wie man Industriearbeitsplätze in Deutschland hält.

Friedrich Merz hatte im Wahlkampf versprochen, die Wirtschaft wieder in den Mittelpunkt zu rücken. Doch das 500-Milliarden-Euro-Sondervermögen, das die neue Große Koalition aufgelegt hat, wird die Inflation weiter befeuern und kommende Generationen mit Schulden belasten – während die eigentlichen Standortprobleme ungelöst bleiben. Wenn ein kerngesundes Unternehmen wie Jungheinrich es vorzieht, profitable deutsche Werke zu schließen und stattdessen chinesische Produkte zu vertreiben, dann ist das nicht nur ein unternehmerisches Problem. Es ist ein politisches Versagen ersten Ranges.

Die Frage, die sich jeder stellen sollte, lautet: Wie viele Werksschließungen, wie viele verlorene Arbeitsplätze braucht es noch, bis die Politik begreift, dass Deutschland seine industrielle Basis nicht mit Sonntagsreden, sondern nur mit konkreten Maßnahmen – niedrigeren Energiepreisen, weniger Bürokratie, wettbewerbsfähigen Steuersätzen – retten kann? Die Beschäftigten in Lüneburg kennen die Antwort bereits. Sie lautet: zu viele.

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