
Kaffeetasse als Gefahrensymbol: Wenn das ZDF Emojis zur Staatsaffäre erklärt

Man könnte es für einen Karnevalsscherz halten, wäre es nicht mit rund neun Milliarden Euro Zwangsgebühren im Jahr finanziert. Der Instagram-Kanal ZDFinfo hat in dieser Woche eine Liste von Emojis präsentiert, die angeblich als geheime Chiffren für Antifeminismus und Frauenhass dienen sollen. Auf der Verdachtsliste: das rote „100“-Symbol, eine Kaffeetasse, ein Pillen-Emoji, ein Dynamitstab und drei rote Bohnen. Wer also seiner Kollegin schreibt, ihre Präsentation sei „💯“, hat nach dieser Lesart offenbar bereits einen Fuß im ideologischen Sumpf.
Die Herleitung? Filme, Serien, Memes
Das rote Hundert-Prozent-Zeichen soll die unter sogenannten Incels verbreitete „80/20-Regel“ symbolisieren, wonach sich achtzig Prozent der Frauen nur für zwanzig Prozent der Männer interessierten. Der Begriff Incel leitet sich vom englischen „involuntary celibate“ ab, also unfreiwillig sexuell enthaltsam. Dass die überwältigende Mehrheit der Menschen dieses Emoji schlicht als Ausdruck von Zustimmung, Begeisterung oder Höchstleistung verwendet – geschenkt. Die Belegkette für diese kühnen Deutungen speist sich, man muss es sich in Ruhe vor Augen halten, aus Kinofilmen, Serien und Online-Memes.
Man müsste diese Emojis nicht per se für frauenfeindlich halten, so das ZDF – aber sie würden „in diesen Kontexten genutzt“. Eine Formulierung, mit der man am Ende auch das Wetter zum rechten Codewort erklären könnte.
Die Quelle, die es nicht gibt
Besonders pikant: Für vier der fünf Deutungen berief sich der Sender auf einen „Ambulanten Jugendsozialdienst Niedersachsen“. Diese Institution existiert schlicht nicht; gemeint war offenbar der Justizsozialdienst. Eingeräumt wurde der Fehler erst mehr als einen Tag später – versteckt in einem Kommentar, den man mit der Lupe suchen muss. Im Beitrag selbst und in der Beschreibung blieb alles unverändert stehen. Wer aus der Privatwirtschaft käme, würde für solche Sorgfalt kaum Applaus ernten. Beim Beitragsfernsehen genügt ein Achselzucken.
Kein Einzelfall, sondern Methode
Der öffentlich-rechtliche Symbolspürsinn hat Tradition. Der rbb-Kanal Fritz sortierte im vergangenen Jahr bereits ein Glas Milch und eine Kiwi in die Schublade rechtsextremer und frauenfeindlicher Codes ein. ZDFinfo selbst hatte zuvor einen Vampir und ein Schaf als Erkennungszeichen der rechten Szene identifiziert. Man fragt sich unweigerlich: Welche Frucht ist als nächstes dran? Welches Gebäck?
Über 3.000 Kommentare – und kaum Zustimmung
Die Reaktionen unter dem Beitrag sprechen Bände. Spott, Sarkasmus, Fassungslosigkeit. Viele Nutzer stellen die naheliegende Frage, ob es nicht dringlichere Themen gäbe als die Kriminalisierung von Bildzeichen. Etwa die realen Gewalttaten gegen Frauen, die in der Kriminalstatistik dieses Landes seit Jahren zunehmen – ein Thema, bei dem die Ursachenforschung in den Redaktionsstuben plötzlich erstaunlich zurückhaltend ausfällt.
Was hier betrieben wird, ist keine Aufklärung, sondern Deutungshoheit per Gebührenbescheid. Wer harmlose Alltagssymbole mit Gesinnungsverdacht auflädt, erzieht die Bürger nicht zu Wachsamkeit, sondern zu Misstrauen gegeneinander. Am Ende steht eine Gesellschaft, in der man vor jedem Chat prüft, ob der eigene Kaffee womöglich politisch belastet ist. Genau dieses Klima der vorauseilenden Selbstzensur ist es, das ein freies Land von innen aushöhlt.
Und die Rechnung? Zahlt der Beitragszahler. Ob er will oder nicht. Vielleicht ist es an der Zeit, dass ein Sender, der Kaffeetassen für gefährlicher hält als die tatsächlichen Missstände im Land, sich einmal ernsthaft fragen lässt, wofür er eigentlich Milliarden erhält.
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