
Kniff der Ministerpräsident? Wirbel um abgesagtes Podcast-Duell

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) hat ein geplantes Streitgespräch mit AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund abgesagt – und muss sich seit Mittwoch gegen den Vorwurf wehren, er habe über die wahren Gründe getäuscht. Der Podcaster Ben Berndt („Ben ungeskriptet“) widerspricht der Darstellung des Regierungschefs öffentlich. Zwei Wochen vor der Landtagswahl am 6. September ist daraus eine handfeste Wahlkampf-Affäre geworden.
Köln als Ausrede? Der Podcaster kontert mit Screenshot
Schulze hatte in einem Video auf der Plattform X erklärt, die Behauptung, er scheue ein Duell mit Siegmund, sei eine „echt spannende Behauptung“ – treffe aber nicht zu. Als Grund für seine Absage nannte er den Aufnahmeort Köln. Er habe „jeden Tag Aufgaben als Ministerpräsident in Sachsen-Anhalt zu lösen“ und deshalb angeboten, das Gespräch im eigenen Bundesland zu führen.
Berndt hält dagegen. Ein Termin in Sachsen-Anhalt sei nie zur Debatte gestanden – und Schulze habe sehr wohl Bereitschaft signalisiert, nach Köln zu reisen: am 16. August, allerdings für ein Einzelgespräch ohne den AfD-Herausforderer. Als Beleg zeigte der Podcast-Host nach eigener Darstellung einen Screenshot einer Nachricht aus Schulzes Team.
„Abschließende Info: Schulze am 16.08. Zeit. Und: Er will sich auch nicht in eine Duell-Situation bringen“
Sein Fazit formulierte Berndt trocken: „Also ich glaube nicht, dass ich gelogen habe“.
MDR und Wahlarena – aber kein echtes Duell
Als Gegenbeweis verwies Schulze auf bereits absolvierte Formate beim MDR und in der RND-Wahlarena. Dort saßen jedoch auch Spitzenkandidaten anderer Parteien auf dem Podium. Ein Duell mit Siegmund war das also streng genommen nicht. Zugleich betonte der Ministerpräsident, er sei zu einem bis zu vierstündigen Zweikampf mit dem AfD-Mann bei anderen Sendern bereit.
Auf Nachfrage bei der Landes-CDU, ob Berndts Schilderung im Kern zutreffe, sei eine telefonische Auskunft mit Verweis auf eine schriftliche Antwort abgelehnt worden – die dann auch Stunden nach Fristablauf nicht eingetroffen sei, wie berichtet wird. Schweigen ist im Wahlkampf selten die beste Verteidigung.
Warum die Sache brandgefährlich für die CDU ist
Der Zeitpunkt könnte für die Union kaum unpassender sein. In aktuellen Umfragen liegt die AfD in Sachsen-Anhalt bei rund 40 bis 42 Prozent, die CDU nur bei etwa 23 bis 26 Prozent – ein historischer Absturz für eine Partei, die 2021 noch 37,1 Prozent holte. Schulze selbst führt das Land erst seit Januar 2026.
Aus Sicht unserer Redaktion offenbart der Streit ein Grundproblem der etablierten Politik: Wer inhaltlich überzeugt ist, muss die Debatte nicht meiden. Wer sie meidet, liefert dem Herausforderer das stärkste Argument frei Haus. Viele Bürger dürften weniger die Absage selbst stören als der Eindruck, man wolle ihnen die Gründe nicht offen nennen.
Und noch etwas zeigt der Vorgang: Die Deutungshoheit liegt längst nicht mehr allein bei den großen Sendern. Ein Podcast aus Köln bringt einen Ministerpräsidenten in Erklärungsnot. Das ist neue Medienrealität – ob es den Beteiligten gefällt oder nicht.

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