
MĂ€use mit Menschenhirn: Stanford sprengt die letzte Grenze

Forscher der Stanford University haben MĂ€use erschaffen, deren GroĂhirnrinde fast vollstĂ€ndig aus menschlichen Nervenzellen besteht. Die Studie erschien am 16. September im Fachjournal Nature, geleitet vom Neurowissenschaftler Sergiu PaÈca. Laut den Berichten handelt es sich um die weitreichendste Verschmelzung menschlichen Hirngewebes mit einem Tier, die bisher gelungen ist.
Erst das MĂ€usehirn abschalten â dann den Platz fĂŒllen
Das Vorgehen klingt wie aus einem Science-Fiction-Drehbuch. Die Forscher verĂ€nderten MĂ€use genetisch so, dass jene VorlĂ€uferzellen, aus denen sonst GroĂhirnrinde und Hippocampus entstehen, frĂŒh in der Entwicklung absterben. Rund die HĂ€lfte des MĂ€usehirns fehlte damit von Anfang an â die Tiere ĂŒberlebten dennoch, wirkten aber vergesslicher und etwas unbeholfener.
In diese Leerstelle pflanzten die Wissenschaftler menschliche Hirn-Organoide: winzige Zellklumpen, die aus umprogrammierten menschlichen Hautzellen herangezogen wurden. Neugeborene MĂ€use erhielten mehrere Injektionen mit insgesamt einigen Hunderttausend menschlichen Zellen. Von 29 Versuchen sollen 25 angewachsen sein.
Vier Millionen menschliche Neuronen â und Fasern bis ins RĂŒckenmark
Innerhalb von zwei bis drei Monaten wuchs das menschliche Gewebe dem Bericht zufolge auf das nahezu FĂŒnffache an, fĂŒllte ĂŒber 90 Prozent des leeren Kortex und erreichte etwa vier Millionen menschliche Nervenzellen. Das Transplantat schloss sich an den Blutkreislauf der Maus an, feuerte elektrische Signale und streckte Nervenfasern bis hinunter ins RĂŒckenmark.
Besonders bemerkenswert: Im Gewebe fanden sich seltene Zelltypen, die sich in der Petrischale bislang kaum zĂŒchten lassen â darunter Neuronen, die den sogenannten von-Economo-Zellen gleichen. Diese werden mit sozialem Verhalten in Verbindung gebracht.
âNur MĂ€useâ â oder doch mehr?
Die Forscher betonen, dass die Tiere keineswegs wie Menschen dĂ€chten. Sie hĂ€tten MĂ€usesinne, MĂ€usekörper und die tieferliegenden Strukturen eines MĂ€usehirns. In Verhaltenstests verhielten sie sich wie gewöhnliche MĂ€use â im Labyrinth schnitten die Tiere mit menschlichem Gewebe sogar besser ab als jene ohne Kortex-Ersatz.
PaÈca begrĂŒndete das Projekt mit dem therapeutischen Notstand in Psychiatrie und Neurologie. Einer von Medien verbreiteten ErklĂ€rung zufolge sagte er (hier aus dem Englischen ĂŒbersetzt):
Wir haben in Psychiatrie und Neurologie weniger Therapien als jeder andere Zweig der Medizin â auch weil das menschliche Gehirn unzugĂ€nglich ist.
Ziel sei es, die Entwicklung und Funktion des menschlichen Gehirns ĂŒberhaupt erst untersuchbar zu machen. Das Modell soll die Forschung zu Schizophrenie, Epilepsie, schwerem Autismus, Demenzformen und Zerebralparese beschleunigen. Bereits 2022 hatte das Team menschliche Organoide in Ratten verpflanzt und spĂ€ter Wirkstoffe gegen das Timothy-Syndrom daran getestet.
Wer zieht eigentlich die Grenze?
Aus Sicht unserer Redaktion ist der medizinische Nutzen unbestreitbar â die ethische Frage aber brandaktuell: Wo endet das Tiermodell, wo beginnt das Mischwesen? Wenn menschliche Nervenzellen einen TierschĂ€del zu ĂŒber 90 Prozent ausfĂŒllen, ist die alte Beruhigungsformel âes ist doch nur eine Mausâ nicht mehr selbsterklĂ€rend.
Pikant ist auch die kommerzielle Dimension: Medienberichten zufolge hĂ€lt die Technologie-Lizenzstelle der UniversitĂ€t Patente auf die Organoid-Herstellung, PaÈca ist als Erfinder genannt; fĂŒr die Transplantationsmethode liege eine vorlĂ€ufige Patentanmeldung vor. Fortschritt und GeschĂ€ftsmodell gehen hier Hand in Hand.
Beobachter fordern deshalb klare Regeln, bevor der nĂ€chste Schritt gegangen wird â und nicht erst danach. Denn eines zeigt dieses Experiment mit aller Deutlichkeit: Die Technik lĂ€uft der Debatte lĂ€ngst voraus.
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