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Mea culpa live im TV: Serbiens Staatssender gesteht Jubel-Journalismus

Mea culpa live im TV: Serbiens Staatssender gesteht Jubel-Journalismus
Symbolbild: KI-generiert

Das hat Seltenheitswert: Einen Tag nach der krachenden Wahlniederlage von Aleksandar Vučić hat sich der öffentlich-rechtliche Sender Radio-Televizija Vojvodine (RTV) bei seinen Zuschauern entschuldigt. Zum Auftakt der 17-Uhr-Nachrichten am Montag räumte Moderator Goran Eror ein, man habe jahrelang einseitig berichtet. Kurz darauf trat ein leitender Redakteur zurück.

Die Beichte zur besten Sendezeit

Erors Worte gingen weit über eine höfliche Floskel hinaus. Der Sender habe Informationen verschwiegen, bei Missständen weggeschaut und unkritisch berichtet, erklärte er sinngemäß. Oft seien die entscheidenden Fragen gar nicht erst gestellt worden.

„Der öffentlich-rechtliche Sender hat über viele Jahre seine Aufgabe nicht erfüllt.“

Und weiter: „Deshalb schulden wir den Zuschauern eine Entschuldigung.“ Ein Teil der Belegschaft habe sich zwar lange für unabhängiges Arbeiten nach journalistischen Standards eingesetzt, so der Moderator. Dieser Kampf sei aber nicht rechtzeitig gewonnen worden.

Der Wahlabend, der nicht gesendet wurde

Auslöser war ein bemerkenswerter Vorgang. Am Sonntagabend feierten Zehntausende in Novi Sad, Belgrad und anderen Städten den Sieg der Studentenliste. Bei RTV war davon nichts zu sehen. Erst nach Protesten der eigenen Mitarbeiter holte der Sender die Bilder am Montag nach.

Der kommissarische Chefredakteur des ersten Programms, Nenad Ćaćić, zog nach internem Druck die Konsequenzen und reichte seinen Rücktritt ein. Sein Nachfolger ist Blažo Popović. Medienberichten zufolge hatte eine Journalistengewerkschaft schon lange mehr redaktionelle Unabhängigkeit gefordert.

Ein Erdrutsch nach 14 Jahren

Das Wahlergebnis ist eine politische Zäsur. Nach vorläufigen Zahlen kam die Studentenliste auf 52,71 Prozent, Vučićs Bündnis auf 39,17 Prozent. Laut Berichten entspricht das rund 140 der 250 Sitze im Parlament – eine absolute Mehrheit. Vučić, der nach zwei Amtszeiten als Präsident nicht erneut antreten durfte, wollte zurück ins Amt des Regierungschefs. Er räumte die Niederlage ein.

Die Wurzeln der Bewegung reichen zurück in den November 2024. Damals stürzte in Novi Sad das Vordach des Bahnhofs ein, 16 Menschen starben. Für viele Serben wurde die Tragödie zum Symbol für Korruption und Schlamperei – und der Auftakt zu zwei Jahren Massenprotesten.

Wahlbeobachter hatten längst gewarnt

Überraschend kommt die Selbstkritik nicht. Die unabhängige Beobachterorganisation CRTA hatte vor der Wahl eine deutliche Bevorzugung der Regierungsparteien durch die Fernsehsender dokumentiert. Auch die OSZE-Mission stellte nach dem Urnengang fest, öffentlich-rechtliche wie private Kanäle hätten überwiegend zugunsten von Vučićs Lager berichtet und die Studentenliste häufig negativ gezeichnet.

Ein Einzelfall ist das nicht. Berichten zufolge hatte sich nach Viktor Orbáns Wahlniederlage auch das ungarische Staatsfernsehen bei seinem Publikum entschuldigt.

Reue auf Bestellung?

Bleibt die unbequeme Frage: Warum kommt die Einsicht ausgerechnet jetzt, wo die Macht gewechselt hat? Skeptiker dürften darin weniger Läuterung als Anpassung an neue Verhältnisse sehen. Wer gestern dem einen Lager diente, könnte morgen ebenso willig dem nächsten dienen.

Der Fall Serbien zeigt vor allem eines: Ein Rundfunk, der vom Staat finanziert wird und von der Politik abhängt, gerät schnell in Versuchung, Hofberichterstattung zu betreiben. Das gilt nicht nur auf dem Balkan. Auch hierzulande müssen sich ARD und ZDF, die sich über den Pflichtbeitrag von Millionen Haushalten finanzieren, immer wieder den Vorwurf der Einseitigkeit gefallen lassen. Eine Entschuldigung zur besten Sendezeit hat man von ihnen bisher nicht gehört.

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