
Nato-Draht statt Vorsorge: Berlins Stromnetz bleibt angreifbar

Sieben Monate nach dem verheerenden Brandanschlag auf Berlins Stromversorgung zieht die Politik Bilanz. Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey (SPD) und Stromnetz-Berlin-Chef Erik Landeck präsentierten am Mittwoch in Johannisthal neue Zäune, Kameras und Wachpersonal. Doch ein Vor-Ort-Rundgang von Journalisten zeigt: Die Lücken sind nicht geschlossen.
Fünf Tage ohne Strom – bei strengem Frost
Rückblick: Am Morgen des 3. Januar überwanden Unbekannte den Zaun einer Rohrbrücke, die vom Heizkraftwerk Lichterfelde über den Teltowkanal führt. Brandsätze, Kurzschluss, Blackout. Mehr als hunderttausend Haushalte saßen im Dunkeln, die meisten bis zu fünf Tage – mitten im Winter, ohne Heizung und warmes Wasser.
Zu der Tat bekannten sich Linksextremisten. Medienberichten zufolge ging ein Bekennerschreiben einer sogenannten „Vulkangruppe“ ein; der Regierende Bürgermeister Kai Wegner sprach von „offenkundig“ linksextremistischen Tätern. Bereits im September 2025 hatten Unbekannte in Johannisthal Kabel an zwei Hochspannungsmasten angezündet – 50.000 Haushalte und viele Gewerbebetriebe ohne Strom.
Ein Prozent Netz, hundert Prozent Risiko
Berlins Stromnetz umfasst 36.800 Kilometer – fast die Länge des Äquators. 99 Prozent verlaufen unterirdisch. Verwundbar ist jenes eine Prozent über der Erde. Als Redakteure der Berliner Zeitung dieses Prozent nach dem Januar-Anschlag abliefen, fanden sie: keine Kameras, keine Scheinwerfer, keinen Wachschutz – nur simple Schließzylinder.
Inzwischen ist einiges passiert. Am sabotierten Standort in Johannisthal stehen nun ein doppelter, 2,40 Meter hoher Zaun mit Nato-Draht, moderne Kameras, Erschütterungssensoren und Kletterschutz. 20 Kilometer Zaun seien erweitert, erneuert oder verstärkt worden, so Giffey. Von 2026 bis 2030 sollen 3,7 Milliarden Euro in Ausbau und Sicherung fließen. Der Schutzstandard, sagte die Senatorin, existiere „woanders in Deutschland nicht“.
„Wer will, der kann“
Der erneute Rundgang in dieser Woche zeichnet allerdings ein gemischtes Bild. Manche Anlagen wirken deutlich gehärtet – etwa das Umspannwerk Wuhlheide mit höherem Zaun, Stacheldraht und Eckkameras. An einer Schaltanlage des Übertragungsnetzbetreibers 50Hertz dagegen klebe die Sprühfarbe angeblich noch auf denselben Schließzylindern wie im Winter, Bewegungsmelder fehlten. Bei einem Umspannwerk im äußersten Osten sei der Zaun mit einer Leiter überwindbar.
Landeck erklärt, dabei handle es sich nicht um aktive Anlagen seines Unternehmens; alle aktiven Umspannwerke seien überwacht. Giffey verweist auf „Abstufungen“ nach Schadenspotenzial. Und dann noch die schiere Masse: 71 Umspannwerke, 17 Netzknoten und rund 11.350 Trafohäuschen – letztere mit einfachen Zylinderschlössern.
„Themen wie Sabotage, Spionage, Drohnenaktivitäten und hybride Bedrohungen spielen heute eine deutlich größere Rolle als noch vor einigen Jahren“, so ein Sprecher von 50Hertz.
Späte Einsicht, offene Fragen
Erst der Blackout löste laut Netzbetreiber einen „grundlegenden Paradigmenwechsel“ aus – vorher habe man vor allem technische Störungen im Blick gehabt. Aus Sicht unserer Redaktion ist genau das das Problem: Kritische Infrastruktur wurde jahrelang wie eine Selbstverständlichkeit behandelt, während Ideologiedebatten die Energiepolitik dominierten. Über die Fahndung heißt es in Berichten, das Bundeskriminalamt habe Hunderte Hinweise geprüft; ein Blatt meldete jüngst, in zwei Verfahren seien Verdächtige identifiziert worden. Rechtskräftig verurteilt ist bislang niemand.
Die nüchterne Lehre für Bürger: Wer fünf Tage ohne Strom auskommen musste, weiß, dass Kartenzahlung, Geldautomat und Onlinebanking dann schlicht ausfallen. Krisenfeste Vorsorge – Bargeld im Haus, Vorräte und physische Edelmetalle als Beimischung zur Vermögenssicherung – gewinnt in einem solchen Umfeld an Bedeutung.
Hinweis: Dieser Beitrag dient der Information und stellt keine Anlageberatung dar. Er spiegelt unsere Einschätzung auf Basis der uns vorliegenden Informationen. Jeder Leser trifft seine Anlageentscheidungen eigenverantwortlich und sollte eigene Recherchen anstellen.

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