
Peinlicher Bildersalat: Linke gedenkt NS-Bücherverbrennung – mit Foto aus der DDR

Es gibt Momente in der politischen Kommunikation, die so entlarvend sind, dass selbst der schärfste Satiriker passen müsste. Der Landesverband der Linken in Schleswig-Holstein hat seinen Anhängern und der breiten Öffentlichkeit einen solchen Moment beschert. In einem Facebook-Beitrag, der an die nationalsozialistische Bücherverbrennung vom 10. Mai 1933 erinnern sollte, prangt ein Foto, das ausgerechnet eine Bücherverbrennung in der DDR aus dem Jahr 1955 zeigt. Der Beitrag steht laut Recherchen weiterhin unverändert online – und in den Kommentaren scheint dies bislang niemand bemerkt zu haben.
Ein Bild mit Eigenleben
Auf dem schwarzweißen Foto, versehen mit der orangeglühenden Schlagzeile „Bücherverbrennung 1933" und dem berühmten Heine-Zitat über das Verbrennen von Büchern und Menschen, sind drei junge Frauen zu sehen, die Schriften in ein loderndes Feuer werfen. Im Hintergrund warten Kinder und ein Mann. Unten rechts: das Logo der Linkspartei Schleswig-Holstein und der Linksjugend. Eine vermeintlich mahnende Geste gegen das Vergessen.
Doch wer genauer hinschaut, entdeckt am Bildrand die Quellenangabe des Bundesarchivs mit der Nummer 183-30585-001. Eine kurze Online-Recherche genügt, um die unbequeme Wahrheit ans Licht zu fördern: Die Aufnahme stammt vom 1. Juni 1955, entstanden in Berlin-Pankow. Es handelt sich keineswegs um eine Szene aus dem nationalsozialistischen Deutschland, sondern um eine Aktion der „Jungen Pioniere" an der 18. Grundschule in Berlin-Buchholz, anlässlich des Internationalen Kindertages. Die DDR-Nachrichtenagentur ADN frohlockte damals, dass Schüler und Pioniere „Schmutz- und Schundliteratur auf den Scheiterhaufen" geworfen hätten. Die Verbrennung sei der Auftakt für Elternversammlungen gewesen, bei denen ein gesetzliches Verbot solcher Literatur in der DDR und Ost-Berlin gefordert worden sei.
Freudscher Versprecher auf Bildebene?
Die Ironie könnte kaum dichter sein. Eine Partei, die sich als Hüterin der Demokratie und als unermüdliche Mahnerin gegen den Faschismus inszeniert, greift bei der Auswahl ihres Bildmaterials ausgerechnet auf ein Dokument zurück, das die eigene ideologische Ahnenreihe in unbequemer Klarheit illustriert. Die SED, Vorgängerin der heutigen Linkspartei, ließ verbrennen, was ihr nicht in den ideologischen Kram passte. Und die Erben dieser Tradition wählen ausgerechnet dieses Bild, um vor den Gefahren von Bücherverbrennungen zu warnen.
Eine Geschichte, die ungern erzählt wird
Die DDR-Bücherverbrennungen sind ein Kapitel, das im offiziellen Geschichtsbild der politischen Linken eher unter den Tisch fällt. Während die NS-Verbrechen – zu Recht – immer wieder thematisiert werden, gerät die Tatsache in den Hintergrund, dass auch der real existierende Sozialismus auf deutschem Boden zu denselben Mitteln griff. Schon in den Fünfzigerjahren wurden in der DDR Bücher als „Schund- und Schmutzliteratur" diffamiert. Das Lexikon A-Z aus dem Jahr 1958 verstand darunter unter anderem „verlogen-sentimentale Liebesromane", Gangstergeschichten und alles, was die Jugend „moralisch gefährden" könnte. Wer entscheidet, was moralisch gefährdet? Selbstverständlich die Partei.
Die Methode ist immer dieselbe, ganz gleich, welche Farbe das Banner trägt: Eine selbsternannte ideologische Avantgarde maßt sich an, im Namen einer höheren Wahrheit zu definieren, was die Bevölkerung lesen, denken und sagen darf. Die Bücherverbrennung ist dabei nur das sichtbare Symbol einer tiefer reichenden Praxis der geistigen Bevormundung.
Was bleibt? Eine bittere Lektion
Dieser Vorgang ist mehr als nur ein peinlicher Lapsus einer überforderten Social-Media-Redaktion. Er ist ein Lehrstück über die selektive Erinnerungskultur, die in Teilen des politischen Spektrums gepflegt wird. Wer die Verbrechen der einen Diktatur permanent beschwört, während er die der anderen verschweigt oder verniedlicht, betreibt keine historische Aufklärung, sondern Geschichtspolitik im eigenen Interesse. Dass dies nun ausgerechnet durch ein falsch gewähltes Foto offenbar wird, hat eine fast schon dichterische Qualität.
In einer Zeit, in der hierzulande wieder darüber diskutiert wird, welche Meinungen, welche Medien und welche Bücher noch erlaubt sein sollten, gewinnt dieser Vorfall eine ungeahnte Aktualität. Wer heute fordert, missliebige Publikationen, Sender oder Internetseiten zu verbieten, sollte sich die Bilder aus Berlin-Pankow von 1955 sehr genau ansehen. Denn die Geschichte lehrt: Wer Bücher in die Flammen wirft – ob aus rechtem oder linkem Eifer – hat den Boden der Freiheit längst verlassen. Die Linke Schleswig-Holstein hat das, vermutlich ungewollt, eindrucksvoll bebildert.
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