
Rhein trocken, Schiene dicht: Deutschlands Güterverkehr am Limit!

Der Rhein führt so wenig Wasser wie selten zuvor, und die Bahn kann die liegengebliebene Fracht nicht auffangen. Der Hamburger Logistikkonzern VTG warnte laut einem Bloomberg-Bericht vom Dienstag, dem 20. Oktober 2026, das deutsche Schienennetz komme mit den vom Fluss umgeleiteten Gütermengen nicht zurecht. Ein Grund dafür seien Bauarbeiten, die Kapazität kosten.
Für die Industrie ist das eine doppelte Belastung. Der Wasserweg fällt weitgehend aus, und die Ausweichroute ist vielerorts gesperrt.
Europas Lebensader fällt trocken
Der Rhein ist keine Postkarten-Idylle, sondern die Hauptschlagader der deutschen Wirtschaft. Über rund 1.230 Kilometer verbindet er die Seehäfen Rotterdam, Amsterdam und Antwerpen mit den Industriezentren an Ruhr, Main und Oberrhein. Jedes Jahr werden hier Kohle, Rohöl, Getreide, Erze und Chemikalien in Millionen-Tonnen-Mengen transportiert.
Nach Dürre und wiederholten Hitzewellen sind die Pegel in diesem Jahr auf Rekordtiefs gefallen. Entscheidend ist der Pegel Kaub zwischen Koblenz und Mainz, die flachste Stelle des Mittelrheins. Medienberichten zufolge lag er zeitweise unter dem bisherigen Negativrekord aus dem Herbst 2018. Auch in Köln sollen historische Tiefstände gemessen worden sein.
Ein Fünftel der Ladung, ein Vielfaches der Kosten
Die Folgen sind brutal. Nach Angaben der IHK Koblenz kann ein Rheinschiff, das bei normalem Wasserstand etwa 500 Container trägt, zeitweise nur noch rund 100 laden. Wie Händler berichten, stiegen die Frachtraten für Tankschiffe von Rotterdam nach Karlsruhe im Sommer von etwa 45 Euro auf bis zu 140 Euro pro Tonne. Diese Kosten landen am Ende bei Unternehmen und Verbrauchern.
Die Ausweichroute ist eine Baustelle
Viele Firmen haben ihre Transporte deshalb auf Schiene und Straße verlagert. Doch nach Darstellung von VTG stößt die Bahn an ihre Grenzen. Ausgerechnet ein zentraler Teil des Netzes werde seit Juli saniert.
Gemeint sein dürfte die rechte Rheinstrecke. Nach Angaben der Deutschen Bahn ist der Abschnitt zwischen Troisdorf und Wiesbaden vom 10. Juli bis zum 12. Dezember 2026 für den Zugverkehr voll gesperrt. Dabei gehört diese Strecke zu den wichtigsten Güterverkehrsachsen Europas. Genau in den Monaten, in denen der Fluss versagt, fehlt also die wichtigste Parallelstrecke zum Fluss.
Das ist bittere Ironie. Jahrzehntelang wurde das Netz auf Verschleiß gefahren, jetzt muss es im Eiltempo saniert werden. Die Sanierung selbst ist dringend nötig, das bestreitet kaum jemand. Kritiker bemängeln aber, dass es keinen belastbaren Plan B für den Fall gebe, dass der Rhein ausfällt. Dabei sind solche Niedrigwasser-Sommer längst keine Seltenheit mehr.
Lkw als Notnagel
Auch die Straße hilft nur begrenzt. Ein einziges Massengutschiff ersetzt nach Branchenangaben 50 bis 150 Lkw-Ladungen. Schon kleine Verlagerungen belasten also Autobahnen, die ohnehin vielerorts marode sind und ebenfalls saniert werden müssen.
Ein Standortproblem mit Ansage
Für die ohnehin angeschlagene deutsche Industrie kommt das Logistik-Chaos zur Unzeit. Chemie, Stahl und Raffinerien sind auf den Rhein angewiesen. Hohe Energiepreise, Bürokratie und US-Zölle setzen ihnen bereits zu, und nun wird auch noch der Transport teurer und unzuverlässiger.
Die Bundesregierung verweist gern auf ihr 500-Milliarden-Euro-Sondervermögen für Infrastruktur. Doch was nützen Milliarden auf dem Papier, wenn Waren heute nicht ankommen? Aus Sicht unserer Redaktion zeigt der Engpass am Rhein, wie sehr Deutschland über Jahre von seiner Substanz gelebt hat. Die Rechnung dafür zahlen nun Betriebe, Beschäftigte und Steuerzahler gleichermaßen.
Ob Regen im Herbst die Lage entspannt, ist offen. Die Bahnstrecke am rechten Rheinufer bleibt jedenfalls bis Mitte Dezember gesperrt. Bis dahin dürfte sich der deutsche Güterverkehr weiter durch einen gefährlichen Engpass quälen.
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