
Roter Teppich für Astana: Wie Berlin um Kasachstans Rohstoffe wirbt

Blumen, frisch gefegte Straßen, militärische Ehren: Berlin hat am Dienstag Kasachstans Staatspräsidenten Kassym-Schomart Tokajew mit großem Aufwand empfangen. Zwei Tage lang wirbt die Bundesregierung um das rohstoffreiche Land in Zentralasien. Mit Tokajew ist eine große Wirtschaftsdelegation angereist. Es geht um Öl, kritische Metalle und neue Handelswege, und es geht um die Frage, ob Deutschland in dieser Region nicht schon viel zu spät dran ist.
Halbes Kabinett, voller Saal
Bei der Veranstaltung auf der Berliner Fischerinsel blieb kein Platz frei. Teilnehmer standen in mehreren Reihen hinter den Stuhlreihen, und internationale Kamerateams drehten ihre Aufsager. Medienberichten zufolge war das halbe Kabinett Merz vor Ort. An der Spitze stand der scheidende Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.
Steinmeier erinnerte an eine Freundschaft mit Tokajew, die schon zwanzig Jahre halte. Beide waren früher Außenminister ihrer Länder. Vor allem dankte er Kasachstan für die Hilfe in der Energiekrise:
„Wir vergessen nicht, dass Ihr Land die Raffiniere in Schwedt beliefert hat.“
Das Land habe gerade den Menschen und der Wirtschaft in Ostdeutschland in einer Notlage beigestanden, sagte Steinmeier.
Schwedt: Die Achillesferse der Energiewende-Republik
Die PCK-Raffinerie in Schwedt versorgt Berlin und den Nordosten mit Diesel, Benzin, Kerosin und Heizöl. Seit 2023 floss dort kasachisches Öl durch die Druschba-Pipeline. Nach Angaben der Raffinerie waren es 2024 rund 1,6 Millionen Tonnen, etwa 17 Prozent der verarbeiteten Menge.
Einen Haken hatte die Sache jedoch von Anfang an: Die Leitung führt durch Russland. Im Frühjahr 2026 kündigte Moskau laut Medienberichten an, den Transit ab Mai einzustellen, und begründete das mit „technischen“ Problemen. Steinmeiers Dank in der Vergangenheitsform passt dazu. Berlin hat sich hier von einem Nadelöhr abhängig gemacht, über das am Ende der Kreml entscheidet.
„Made in Germany“ zieht noch
Tokajew sprach durchgehend Englisch, was im Saal gut ankam. Er beschrieb die institutionellen Reformen seines Landes und lobte, dass Deutschland eine Partnerschaft auf Augenhöhe suche. Die Marke „Made in Germany“ spiele nach wie vor eine große Rolle, betonte er. Für eine Industrienation, die daheim unter Energiepreisen, Bürokratie und Abgabenlast leidet, ist das ein Kompliment mit bitterem Beigeschmack.
Mehrere Unternehmen wollen konkret mitmischen:
- Schachtbau Nordhausen aus Thüringen ist seit fast zwanzig Jahren im kasachischen Bergbau tätig. Der Kasachstan-Chef Olaf Schmidt hob die kurzen Wege zur Regierung in Astana hervor.
- BMCA vertritt die Messe Frankfurt in Kasachstan und hat eine Absichtserklärung für weitere Messen zu Nutzfahrzeugen und Transport unterzeichnet.
Berichten zufolge sollen während des Besuchs insgesamt 23 Abkommen unterzeichnet werden. Sie betreffen Rohstoffe, Energie, Logistik und künstliche Intelligenz.
Partner mit vielen Freunden
So schön das klingt: Astana setzt traditionell auf eine Außenpolitik mit vielen Partnern. Russland bleibt als Nachbar und Handelspartner wichtig, das stellte Tokajew auch bei der Pressekonferenz mit Kanzler Friedrich Merz klar. Medienberichten zufolge lobte er in Berlin sogar seine „exzellenten Beziehungen“ zu Wladimir Putin. Gleichzeitig pflegt Kasachstan enge Verbindungen zu China.
Für Berlin heißt das: Die Bundesregierung wirbt um ein Land, das sich nicht vereinnahmen lässt. Deutschland bringt Technologie, Kapital und industrielle Erfahrung mit. Kasachstan hat Rohstoffe, viel Fläche und eine Lage an der Schnittstelle zwischen Europa, Russland, China und Südasien. Beobachter sehen darin eine klassische Win-win-Situation, zumindest auf dem Papier.
Aufwachen nach Jahren der Bequemlichkeit
Richtig ernst nimmt die deutsche Politik Zentralasien erst seit dem Ukrainekrieg. Jahrzehntelang setzte man auf billiges russisches Gas. Jetzt fährt Berlin den roten Teppich aus, während China und andere Mächte in der Region längst Fakten schaffen. Ob die 23 Abkommen zu echten Aufträgen, Lieferungen und Jobs führen oder in Schubladen verschwinden, muss sich erst zeigen. Ein kluger Schritt ist die Charmeoffensive trotzdem. Sie hätte nur viel früher kommen müssen.

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