
Stadler Rail kapituliert: Schweizer Zugbauer gibt Kampf gegen Siemens-Milliardendeal auf
Es ist ein RĂŒckzug mit lautem Knall â und einem bitteren Nachgeschmack. Der Schweizer Schienenfahrzeughersteller Stadler Rail hat seine Beschwerde gegen die Vergabe eines milliardenschweren Auftrags der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) an den deutschen Industrieriesen Siemens zurĂŒckgezogen. Was auf den ersten Blick wie eine nĂŒchterne juristische Entscheidung wirkt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als ein LehrstĂŒck ĂŒber Intransparenz bei öffentlichen Vergabeverfahren.
Zwei Milliarden Franken fĂŒr bis zu 200 DoppelstockzĂŒge
Im November 2025 hatte Siemens den Zuschlag fĂŒr einen Rahmenvertrag ĂŒber bis zu 200 DoppelstockzĂŒge mit einem Investitionsvolumen von rund zwei Milliarden Schweizer Franken erhalten. Ein Auftrag von enormer Tragweite â nicht nur finanziell, sondern auch industriepolitisch. Denn Stadler Rail, mit Hauptsitz im thurgauischen Bussnang, gilt als Schweizer Vorzeigeunternehmen und hĂ€tte den Auftrag naturgemÀà gerne im eigenen Land gehalten.
Stadler legte daraufhin beim Bundesverwaltungsgericht Rekurs ein, um die Vergabeentscheidung anzufechten. Doch nun, zum 7. April, zieht das Unternehmen diesen Rekurs zurĂŒck. Die BegrĂŒndung hat es in sich.
GeschwÀrzte Akten: Wenn Transparenz zur Farce wird
Die vom Gericht ausgehĂ€ndigten Vergabeakten seien derart stark geschwĂ€rzt gewesen, dass es schlicht an Anhaltspunkten gefehlt habe, um das Verfahren sinnvoll weiterzufĂŒhren. Man muss sich das einmal auf der Zunge zergehen lassen: Ein Unternehmen, das einen Milliardenauftrag verliert, bekommt die Unterlagen zur ĂberprĂŒfung â und kann sie nicht lesen, weil alles Wesentliche unter schwarzer Tinte verschwunden ist. Transparenz im öffentlichen Beschaffungswesen sieht wahrlich anders aus.
Stadler ĂŒbte in diesem Zusammenhang scharfe Kritik an der SBB. Die Schweizerischen Bundesbahnen hĂ€tten ihren Ermessensspielraum bei der Bewertung der Angebote klar zugunsten des siegreichen Siemens-Angebots genutzt. Ein Vorwurf, der schwer wiegt â auch wenn er sich aufgrund der geschwĂ€rzten Akten wohl kaum je wird beweisen lassen. Genau darin liegt die Perfidie des Ganzen.
Ein Muster, das nachdenklich stimmt
Der Fall wirft grundsĂ€tzliche Fragen auf, die weit ĂŒber die Schweizer Landesgrenzen hinausreichen. Wie fair sind öffentliche Vergabeverfahren tatsĂ€chlich, wenn unterlegene Bieter nicht einmal die Möglichkeit erhalten, die Entscheidungsgrundlagen nachzuvollziehen? Wer kontrolliert die Kontrolleure, wenn die relevanten Dokumente unter einem Meer aus SchwĂ€rzungen verschwinden?
Auch in Deutschland kennt man solche PhĂ€nomene nur zu gut. Ob bei RĂŒstungsauftrĂ€gen, Infrastrukturprojekten oder der Beschaffung von Schienenfahrzeugen â immer wieder stehen Vergabeentscheidungen in der Kritik, bei denen der Verdacht aufkommt, dass das Ergebnis bereits vor der eigentlichen Bewertung feststand. Dass ausgerechnet ein Schweizer Traditionsunternehmen in der eigenen Heimat gegen einen auslĂ€ndischen Konzern den KĂŒrzeren zieht und dann nicht einmal die GrĂŒnde dafĂŒr einsehen darf, dĂŒrfte in der Eidgenossenschaft fĂŒr erheblichen Unmut sorgen.
Siemens triumphiert â vorerst
FĂŒr Siemens ist der RĂŒckzug von Stadler zweifellos eine gute Nachricht. Der Weg fĂŒr die Umsetzung des GroĂauftrags dĂŒrfte nun frei sein. Der MĂŒnchner Konzern, der sich in den vergangenen Jahren zunehmend auf sein MobilitĂ€tsgeschĂ€ft konzentriert hat, kann diesen prestigetrĂ€chtigen Auftrag als Referenz fĂŒr weitere europĂ€ische Ausschreibungen nutzen.
Dennoch bleibt ein schaler Beigeschmack. Denn ein Sieg, der unter dem Schatten mangelnder Transparenz errungen wird, ist kein Sieg, auf den man uneingeschrĂ€nkt stolz sein kann. Die Frage, ob die SBB tatsĂ€chlich das beste Angebot gewĂ€hlt hat oder ob hier andere Faktoren eine Rolle spielten, wird wohl unbeantwortet bleiben â begraben unter geschwĂ€rzten Akten, die niemand lesen darf.
FĂŒr Stadler Rail bleibt die bittere Erkenntnis, dass selbst der Gang vor Gericht nicht hilft, wenn die entscheidenden Informationen im Dunkeln bleiben. Ein Rechtsstreit ohne Beweismittel ist wie ein Boxkampf mit verbundenen Augen â aussichtslos von Beginn an.
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