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25.01.2026
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Syrien am Abgrund: Kurden-Massaker droht, während der Westen einen Ex-Terroristen hofiert

Syrien am Abgrund: Kurden-Massaker droht, während der Westen einen Ex-Terroristen hofiert

Mehr als ein Jahr nach dem Sturz des Assad-Regimes versinkt Syrien erneut im Chaos. Was als hoffnungsvoller Neuanfang gepriesen wurde, entpuppt sich zunehmend als Albtraum für Minderheiten und die gesamte Zivilbevölkerung. Die Lage im Norden und Nordosten des Landes eskaliert dramatisch, während der Westen – allen voran Deutschland – weiterhin auf einen Mann setzt, der einst als Terrorist auf der Fahndungsliste stand.

Vom Dschihadisten zum Hoffnungsträger des Westens

Ahmed al-Scharaa, der heutige Übergangspräsident Syriens, kämpfte einst unter dem Namen Abu Mohammad al-Dschulani für Al-Qaida im Irak. Er saß im berüchtigten US-Gefängnis Abu Ghraib und führte später die islamistische Miliz HTS. Noch bis 2024 war auf seinen Kopf ein Preisgeld von zehn Millionen Dollar ausgesetzt. Heute? Heute empfängt ihn Donald Trump im Weißen Haus, und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen verspricht bei einem Besuch in Damaskus mehr als 600 Millionen Euro Unterstützung.

Man muss sich diese groteske Wendung auf der Zunge zergehen lassen: Ein Mann, der jahrelang als Terrorist gelistet war, wird nun vom Westen als Stabilitätsanker hofiert. Und das, während unter seiner Führung die kurdischen Gebiete im Nordosten systematisch unter Beschuss geraten.

Rojava: Ein demokratisches Experiment wird zerschlagen

Die kurdisch verwalteten Gebiete, bekannt als Rojava, hatten sich im Bürgerkrieg als bemerkenswerte Ausnahmeerscheinung etabliert. Eigene Institutionen, starke Frauenbeteiligung, religiöse Toleranz und basisdemokratische Strukturen – all das machte diese Region zu einem Hoffnungsschimmer inmitten des syrischen Infernos. Doch genau diese Autonomie ist der neuen Führung in Damaskus ein Dorn im Auge.

Die Gründe dafür sind weniger ideologischer als vielmehr handfest wirtschaftlicher Natur: In den kurdisch kontrollierten Gebieten liegen Syriens wichtigste Öl- und Gasfelder sowie große Teile der landwirtschaftlich nutzbaren Flächen. Al-Scharaa verfolgt erklärtermaßen das Ziel eines stark zentralisierten Staates – und das bedeutet: Kontrolle über diese Ressourcen.

Gebrochene Versprechen und militärische Eskalation

Ein im März 2025 geschlossenes Abkommen zwischen Al-Scharaa und dem SDF-Oberbefehlshaber Mazlum Abdi, das eine schrittweise Integration der Autonomiestrukturen vorsah, blieb Makulatur. Die vereinbarten Fristen verstrichen ergebnislos. Was folgte, war vorhersehbar: Unterstützt von der Türkei rückten syrische Regierungstruppen in mehreren Provinzen vor. SDF-Einheiten mussten Stellungen räumen. Zehntausende Menschen befinden sich auf der Flucht.

„Es droht ein Massaker an den Kurden."

Diese düstere Warnung stammt von Anita Starosta, Historikerin und bei Medico International für Türkei, Nordsyrien und Irak zuständig. Die Autonomie sei kollabiert, alle Rechte und Strukturen, die in den vergangenen zwölf Jahren aufgebaut worden seien, seien von HTS zunichtegemacht worden.

IS-Kämpfer auf freiem Fuß: Eine tickende Zeitbombe

Besonders alarmierend ist die Situation rund um die Gefängnisse und Lager für IS-Kämpfer und deren Angehörige. Mit dem Rückzug der SDF verloren die Kurden die Kontrolle über das al-Hol-Lager, in dem rund 24.000 Menschen leben – überwiegend Frauen und Kinder von IS-Kämpfern. Das Lager gilt seit Jahren als humanitäres Desaster und als Brutstätte möglicher Radikalisierung.

Doch damit nicht genug: Im Zuge der aktuellen Eskalation kam es zu Ausbrüchen aus Gefängnissen. Die Angaben über entkommene IS-Kämpfer schwanken zwischen mehreren hundert und über tausend. Hochradikalisierte Extremisten, die nun frei herumlaufen – ohne jede Konsequenz. Die Regierung kündigte zwar an, die Verantwortung für Lager und Gefängnisse zu übernehmen. Ob sie dazu faktisch in der Lage ist, bleibt mehr als fraglich.

Deutschlands fragwürdige Syrien-Politik

Während Syrien im Chaos versinkt, verfolgt die Bundesrepublik eine Politik, die man bestenfalls als naiv, schlimmstenfalls als zynisch bezeichnen kann. Man orientiere sich an den USA, Frankreich, Großbritannien und den Golfstaaten, erklärt der Nahostexperte Daniel Gerlach. Diese wollten, dass das neue Regime beim Staats- und Wirtschaftsaufbau vorankomme.

Wirtschaftliche Interessen spielen dabei eine zentrale Rolle: Deutsche Unternehmen stünden beim Export unter Druck, Syrien könne einige Verluste abfedern. Und dann ist da noch die Migrationsfrage. Für Teile der Regierungsfraktionen sei die Rückführung von Syrern zentral, um migrationspolitische Wahlversprechen einzulösen.

Abschiebungen in ein Kriegsgebiet?

Anita Starosta hält Abschiebungen nach Syrien für grundsätzlich falsch. „Schon vor der aktuellen Eskalation war es nicht vertretbar, Menschen nach Syrien abzuschieben", betont sie. In den vergangenen Monaten habe es immer wieder Angriffe auf Minderheiten und bürgerkriegsähnliche Zustände gegeben. 90 Prozent der Bevölkerung leben unterhalb der Armutsgrenze. 7,4 Millionen Binnenvertriebene hausen in Flüchtlingslagern, Notunterkünften und informellen Siedlungen unter extrem prekären Bedingungen.

„Es ist unmenschlich, Menschen in so ein Land abzuschieben", sagt Starosta. Doch die politische Realität in Deutschland sieht anders aus. Die Große Koalition unter Kanzler Merz steht unter Druck, migrationspolitische Härte zu demonstrieren – koste es, was es wolle.

Ein fragiles Kartenhaus

Westliche Nachrichtendienste bewerten die Wahrscheinlichkeit, dass Al-Scharaas Regime die selbst gesetzte Übergangsherrschaft von drei Jahren übersteht, mit etwa 70 Prozent. Das klingt zunächst beruhigend – doch der Teufel steckt im Detail. Derzeit sei alles auf die Person des Präsidenten zugeschnitten, warnt Gerlach. „Wenn ihm etwas zustößt, kann das System kollabieren."

Die geopolitischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Spannungen seien enorm und würden durch Rache, Sektierertum, Extremismus und Stammesdenken weiter befeuert – auch innerhalb der Gefolgschaft des Präsidenten. Ein demokratisches Syrien? Unter diesen Umständen fast unmöglich, meint Starosta. Statt Minderheiten und Zivilgesellschaft in die Regierungsbeteiligung einzubeziehen, würden sie angegriffen und massakriert.

Der Westen setzt also auf einen Ex-Terroristen, während Kurden und Christen um ihr Leben fürchten müssen. IS-Kämpfer brechen aus Gefängnissen aus, und Deutschland schiebt Menschen in dieses Chaos ab. Man fragt sich unwillkürlich: Haben die Verantwortlichen in Berlin und Brüssel aus den Fehlern der Vergangenheit überhaupt nichts gelernt? Die Geschichte des Nahen Ostens ist gepflastert mit westlichen Fehleinschätzungen und deren katastrophalen Folgen. Syrien droht, das nächste Kapitel in dieser traurigen Chronik zu werden.

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