
Teherans Albtraum: Trauermärsche wecken Geister der Revolution von 1979
Was sich derzeit auf den Straßen des Iran abspielt, lässt die greisen Mullahs in Teheran erschaudern. Tausende Iraner strömen zu Friedhöfen und Gedenkstätten, um jener Menschen zu gedenken, die vor 40 Tagen von den Sicherheitskräften des Regimes bei landesweiten Protesten getötet wurden. Und wie ein düsteres Echo aus der Vergangenheit verwandeln sich diese Trauerfeiern erneut in Aufstände gegen die theokratische Herrschaft – genau wie 1979, als das Volk den vom Westen gestützten Schah hinwegfegte.
Die Taktik der Märtyrer – ein bewährtes Rezept
Es ist eine bittere Ironie der Geschichte: Jene schiitischen Trauerrituale, die einst den Revolutionären von 1979 als Katalysator dienten, richten sich nun gegen die Erben ebenjener Revolution. Im schiitischen Islam wird traditionell 40 Tage nach dem Tod eines Menschen eine „Chehelom"-Zeremonie abgehalten. Damals wie heute nutzen die Gegner des Regimes diese Anlässe, um ihren Zorn auf die Straße zu tragen. Jeder Tote wird zum Märtyrer, jede Trauerfeier zur Demonstration – ein Kreislauf der Gewalt, den das Regime offenkundig nicht zu durchbrechen vermag.
Menschenrechtsorganisationen sprechen von Tausenden Toten, die bei den Januarprotesten durch Schüsse der Sicherheitskräfte ums Leben gekommen seien. Was als bescheidene Wirtschaftsproteste von Händlern im Großen Basar von Teheran begann, wuchs sich zur schwersten Bedrohung für die schiitische Theokratie seit fast fünf Jahrzehnten aus. Die Demonstranten forderten nichts Geringeres als den Rücktritt der herrschenden Kleriker.
Schüsse auf Trauernde – das Regime zeigt sein wahres Gesicht
Am Dienstag dieser Woche eskalierte die Situation erneut dramatisch. In der kurdischen Stadt Abdanan in der Provinz Ilam eröffneten Sicherheitskräfte das Feuer auf Hunderte Trauernde, die sich auf einem Friedhof versammelt hatten. Videos in den sozialen Medien zeigen fliehende Menschen, während Schüsse fallen und Rufe „Tod dem Diktator" – gemeint ist Ayatollah Ali Khamenei – durch die Luft hallen. Die kurdisch-iranische Menschenrechtsgruppe Hengaw berichtete von mindestens drei Verletzten und neun Festnahmen allein in Abdanan. Ähnliche Zusammenstöße sollen sich in Mashhad und Hamedan ereignet haben.
Das Regime griff dabei zu seinem bewährten Instrumentarium der Unterdrückung: Massives Abschalten des Internets, Verhaftungen von Journalisten, Anwälten, Aktivisten und Studenten. Die Schuld schob die Führung – wie gewohnt – auf „bewaffnete Terroristen", die angeblich von Israel und den Vereinigten Staaten gesteuert würden. Ein Narrativ, das mittlerweile so abgenutzt ist wie die Legitimität des Regimes selbst.
Zwischen Trump und Volksaufstand
Die Lage für die iranische Führung könnte kaum prekärer sein. Während im Inneren der Volkszorn brodelt, droht von außen US-Präsident Donald Trump mit einem Militärschlag wegen des iranischen Atomprogramms. Flugzeugträger, Kampfjets und Lenkwaffenzerstörer hat Washington bereits in die Region verlegt. Iranische Offizielle sollen gegenüber Nachrichtenagenturen eingeräumt haben, dass die Führung befürchte, ein amerikanischer Angriff könnte ihre ohnehin wackelige Machtbasis durch weitere Proteste endgültig zum Einsturz bringen.
„Wie lange können sie noch Menschen töten, um an der Macht zu bleiben? Die Menschen sind wütend, die Menschen sind frustriert", wird eine 28-jährige Regierungsangestellte aus Isfahan zitiert. Ihre Worte treffen den Kern: Unterdrückung, Ungleichheit, Korruption und die kostspielige Finanzierung von Stellvertreterkriegen im Ausland – das sind die Hauptbeschwerden einer Bevölkerung, die genug hat.
Noch fehlt der entscheidende Funke
Dennoch wäre es verfrüht, das Ende der Islamischen Republik auszurufen. Anders als 1979, als Ölarbeiterstreiks dem Schah den finanziellen Lebensnerv abschnitten und Basarhändler die rebellischen Kleriker finanzierten, fehlen diesmal bislang vergleichbare wirtschaftliche Hebel. Die Protestierenden beschränken sich auf kleinere Aktionen – nächtliche Sprechchöre von Hausdächern, „Allahu Akbar"-Rufe in der Dunkelheit. Es sind Nadelstiche, keine Dolchstöße.
Doch die Geschichte lehrt, dass Regime selten an einem einzelnen Ereignis zerbrechen. Es ist der stetige Tropfen, der den Stein höhlt. Und selbst ohne einen amerikanischen Militärschlag dürften die westlichen Sanktionen den öffentlichen Unmut weiter befeuern. Eine Bevölkerung, die unter wirtschaftlicher Misere ächzt, während ihre Führung Milliarden in Stellvertreterkriege pumpt – das ist ein Pulverfass, das nur eines Funkens bedarf.
Was Europa daraus lernen sollte
Die Ereignisse im Iran sollten auch europäischen Regierungen – und ganz besonders der deutschen – als Mahnung dienen. Wenn Bürger das Vertrauen in ihre Führung verlieren, wenn wirtschaftliche Not auf politische Ignoranz trifft, dann brodelt es. Die Parallelen mögen auf den ersten Blick weit hergeholt erscheinen, doch auch in Deutschland wächst die Unzufriedenheit mit einer politischen Klasse, die sich zunehmend von den Sorgen der einfachen Bürger entfernt hat. Natürlich sind die Verhältnisse nicht vergleichbar – niemand wird hierzulande auf Friedhöfen erschossen. Aber das Grundprinzip bleibt dasselbe: Wer sein Volk nicht hört, wird irgendwann von ihm gehört werden.
Die kommenden Wochen werden zeigen, ob die iranische Protestbewegung die kritische Masse erreichen kann, die nötig wäre, um das Regime tatsächlich ins Wanken zu bringen. Eines steht jedoch fest: Die Geister von 1979 sind erwacht – und diesmal richten sie sich gegen jene, die einst selbst auf den Schultern einer Revolution an die Macht kamen.

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