
Verdi-Warnstreik lähmt Deutschland: Millionen Pendler als Geiseln im Tarifpoker
Nichts geht mehr. Seit Freitagmorgen steht der öffentliche Nahverkehr in nahezu allen Bundesländern still. Busse, Straßenbahnen, U-Bahnen – alles lahmgelegt. Die Gewerkschaft Verdi hat zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen einen großangelegten Warnstreik ausgerufen, der bis in die Nacht zum Sonntag andauern soll. Millionen Berufspendler, Schüler und Senioren stehen buchstäblich im Regen. Willkommen in der deutschen Realität des Jahres 2026.
Ein Land im Stillstand – und niemand übernimmt Verantwortung
Die koordinierte Aktion trifft fast das gesamte Bundesgebiet. Lediglich Niedersachsen und Baden-Württemberg bleiben von dem zweitägigen Arbeitskampf verschont. In allen übrigen Bundesländern fallen Fahrten nahezu vollständig aus. Wer auf den ÖPNV angewiesen ist – und das sind in Deutschland Millionen Menschen, die sich kein zweites Auto leisten können oder wollen –, der schaut in die Röhre. Oder besser gesagt: auf leere Gleise und verwaiste Haltestellen.
Es ist bereits der zweite massive Warnstreik in der laufenden Tarifrunde. Schon am 2. Februar hatte Verdi den Nahverkehr bundesweit praktisch zum Erliegen gebracht. Dass nun, keine vier Wochen später, erneut das gesamte System stillsteht, wirft eine unbequeme Frage auf: Wer vertritt hier eigentlich die Interessen der Bürger?
Verdis Forderungskatalog: Weniger arbeiten, mehr verdienen
Die Gewerkschaft verhandelt in allen 16 Bundesländern, überwiegend mit den Kommunalen Arbeitgeberverbänden. Im Kern geht es Verdi um kürzere Wochenarbeitszeiten, verkürzte Schichtzeiten, längere Ruhezeiten sowie höhere Zuschläge für Nacht- und Wochenendarbeit. In Bayern, Brandenburg, dem Saarland, Thüringen und bei der Hamburger Hochbahn wird darüber hinaus über höhere Löhne und Gehälter verhandelt.
Die stellvertretende Verdi-Vorsitzende Christine Behle erklärte, die Arbeitgeber hätten offenbar immer noch nicht verstanden, dass es auf Dauer keine funktionierende ÖPNV-Daseinsvorsorge mehr geben könne, wenn man jetzt nicht entscheidend die Arbeitsbedingungen verbessere. Ein Argument, das auf den ersten Blick einleuchtet. Doch bei genauerem Hinsehen drängt sich die Frage auf: Wer soll das eigentlich bezahlen?
Die Zeche zahlt der Bürger – wie immer
Denn die kommunalen Verkehrsbetriebe sind keine Goldgruben. Sie sind chronisch unterfinanziert, abhängig von öffentlichen Zuschüssen und kämpfen seit Jahren mit steigenden Kosten. Jede Verbesserung der Arbeitsbedingungen – so berechtigt sie im Einzelfall sein mag – wird am Ende über höhere Ticketpreise oder zusätzliche Steuergelder finanziert. Der Bürger zahlt also doppelt: Erst durch den Streik, der seinen Alltag lahmlegt, und dann durch die Rechnung, die unweigerlich folgt.
Die Berliner Verkehrsbetriebe, immerhin das größte Nahverkehrsunternehmen des Landes, kritisierten Verdis Vorgehen scharf. Die Gewerkschaft folge einer bundesweiten Dramaturgie, ohne die lokale Realität anzuerkennen. Ein Vorwurf, der nicht von der Hand zu weisen ist. Denn die finanzielle Lage der Kommunen unterscheidet sich erheblich – was in Hamburg vielleicht noch tragbar wäre, könnte in Sachsen oder Thüringen den ohnehin maroden ÖPNV endgültig in die Knie zwingen.
Symptom einer tieferliegenden Krise
Der Warnstreik ist mehr als nur ein Tarifkonflikt. Er ist Ausdruck einer fundamentalen Schieflage in der deutschen Infrastrukturpolitik. Jahrzehntelang wurde der öffentliche Nahverkehr stiefmütterlich behandelt, während Milliarden in ideologische Prestigeprojekte flossen. Die Verkehrswende, die von der Politik so gerne beschworen wird, scheitert nicht an fehlenden Elektrobussen, sondern an fehlenden Fahrern, maroden Gleisen und einer Bürokratie, die jede Innovation im Keim erstickt.
Dass die neue Bundesregierung unter Friedrich Merz ein 500 Milliarden Euro schweres Sondervermögen für Infrastruktur aufgelegt hat, klingt zunächst vielversprechend. Doch die Erfahrung lehrt: Zwischen politischer Ankündigung und tatsächlicher Verbesserung vor Ort liegen in Deutschland Welten – und Jahre. Die Pendler, die an diesem Wochenende vergeblich auf ihren Bus warten, können davon ein Lied singen.
Was bleibt, ist ein bitterer Nachgeschmack. Die Mehrheit der Bevölkerung hat, wie Umfragen immer wieder zeigen, wenig Verständnis für Streiks im öffentlichen Nahverkehr. Nicht weil die Forderungen der Beschäftigten unberechtigt wären – sondern weil es immer die Falschen trifft. Nicht die Verhandlungsführer auf beiden Seiten, nicht die Politiker, die den ÖPNV kaputtgespart haben. Sondern die ganz normalen Menschen, die einfach nur zur Arbeit, zur Schule oder zum Arzt wollen.

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