
Wahlkrimi im Nordosten: 22.443 Stimmen trennten die AfD von der Macht

Die AfD hat die Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern am 20. September klar gewonnen und die absolute Mehrheit trotzdem verpasst. Nachrechnungen zum vorläufigen amtlichen Endergebnis zeigen, wie knapp es war: Hätten nur 22.443 Wähler anders abgestimmt, hätte Leif-Erik Holm allein regieren können. In Sachsen-Anhalt fehlten der Partei wenige Wochen zuvor sogar nur einige tausend Stimmen.
Ein Ergebnis, das die Republik erschüttert
Laut vorläufigem Ergebnis kommt die AfD auf 38,2 Prozent. Die SPD von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig landet mit 35,5 Prozent auf Platz zwei. Die Linke erreicht 6,5 Prozent, die Grünen 5,7 Prozent. Die Wahlbeteiligung lag bei 78,1 Prozent.
Der eigentliche Paukenschlag ist aber die CDU. Die Partei des Kanzlers stürzt auf 4,9 Prozent ab und fliegt aus dem Schweriner Landtag. Medienberichten zufolge ist das ihr schlechtestes Ergebnis bei einer Landtagswahl in der Geschichte der Bundesrepublik. Auch BSW (4,8 Prozent) und FDP (1,0 Prozent) scheitern an der Fünf-Prozent-Hürde. Für Friedrich Merz ist das eine Ohrfeige.
Die Rechnung hinter dem Beinahe-Triumph
Wie konnte es so knapp werden? Die Mathematik ist einfach. Hätten neben CDU und BSW auch Linke und Grüne die Hürde gerissen, wären nur zwei Parteien übrig geblieben. In einem solchen Parlament hätte die stärkste Kraft automatisch die Mehrheit der Sitze bekommen.
Dafür hätten 22.443 Wähler ihre Zweitstimme statt an Linke oder Grüne an die SPD oder an eine Kleinstpartei geben müssen. Allerdings gab es eine Obergrenze: Ab 27.634 Wechslern zur SPD hätte Schwesig die AfD überholt. Das Wahlrecht in Mecklenburg-Vorpommern garantiert der Mehrheitspartei in so einem Fall einen Sitz mehr als der Opposition. Eine einzige Stimme Vorsprung hätte also schon gereicht.
Noch ist nichts amtlich
Alle Zahlen beruhen auf dem vorläufigen Ergebnis. Das amtliche Endergebnis will der Landeswahlausschuss am 30. September feststellen, bis dahin kann sich noch etwas verschieben. Der Landeswahlleiter hält es Berichten zufolge aber für „sehr unwahrscheinlich“, dass die CDU doch noch über fünf Prozent kommt.
Sachsen-Anhalt: Ein paar tausend Stimmen zu wenig
In Magdeburg verlief der Wahlkrimi ähnlich. Laut endgültigem Ergebnis holte die AfD dort 43,8 Prozent und blieb trotzdem knapp unter der absoluten Mehrheit. Entscheidend war der Einzug des BSW. Hätten 3.590 BSW-Wähler anders gewählt, ungültig gestimmt oder wären zu Hause geblieben, wäre die Partei an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert.
Nach Berechnungen, die sich auf das komplizierte und als widersprüchlich kritisierte Sitzzuteilungsverfahren des Landes stützen, hätten 1.179 direkte Wechsel vom BSW zur AfD gereicht. Noch verblüffender: Schon 355 Grünen-Wähler, die zur AfD gewechselt wären, hätten denselben Effekt gehabt. Es wäre die erste absolute Mehrheit einer Partei in einem Bundesland seit Anke Rehlingers Wahlsieg im Saarland 2022 gewesen.
Regieren mit den Verlierern?
In Schwerin zeichnet sich nun ein Bündnis aus SPD, Linken und Grünen ab. Zusammen kämen sie auf 39 der 71 Sitze, nötig sind 36. Die AfD mit ihren 32 Mandaten wäre die einzige Oppositionsfraktion. Die übrigen Parteien haben eine Zusammenarbeit mit ihr ausgeschlossen.
Pikant ist dabei: Alle drei künftigen Partner haben Stimmen verloren. Die SPD büßte gut vier Prozentpunkte ein, die Linke 3,4, die Grünen 0,6. Kritiker dürften fragen, wie überzeugend ein Regierungsauftrag ist, den die Wähler den beteiligten Parteien gerade spürbar gekürzt haben.
Jede Stimme zählt, wirklich jede
Der Satz steht auf jedem Wahlplakat, meistens nimmt ihn keiner ernst. Diese Wahlen zeigen, dass er stimmt. Ob ein Land eine Alleinregierung, eine Dreierkoalition oder einen Stillstand bekommt, hing hier an einigen tausend Kreuzen. Für die Berliner Koalition ist die Botschaft deutlich: Das politische Gefüge im Osten ist so wackelig wie nie, und die Union hat im Nordosten keine Stimme mehr.
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