
Waldbaden auf Kosten der Beitragszahler: Der Milliarden-Kursmarkt

4,12 Milliarden Euro hat die Arbeitslosenversicherung allein 2026 für Weiterbildungen ausgegeben, die die Bundesagentur für Arbeit vermittelt. Das Geld stammt aus den Pflichtbeiträgen aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Laut Medienberichten finanziert es auch Kurse zu Waldbaden, Tierpsychologie und Diversity-Training. In einem Fall ermitteln die Behörden wegen mutmaßlichen Bandenbetrugs.
Gedacht ist das System dafür, Arbeitslose wieder in Lohn und Brot zu bringen. Ob es das leistet, bezweifeln Kritiker immer lauter.
Der Gutschein, der allen nützt – fast allen
Kernstück ist der sogenannte Aktivierungs- und Vermittlungsgutschein, kurz AVGS. Jobcenter oder Arbeitsagentur stellen ihn aus. Der Arbeitslose wählt bei einem zertifizierten privaten Träger eine Maßnahme aus, der Sachbearbeiter genehmigt sie, und der Staat übernimmt die Kosten.
Davon haben mehrere Seiten etwas. Teilnehmer beziehen ihre Leistungen weiter, ohne Sanktionen fürchten zu müssen. Die Statistik wird geschönt, denn wer in einer Maßnahme sitzt, gilt offiziell nicht als arbeitslos. Und die Anbieter rechnen nach den Bundesdurchschnittskostensätzen ab, bei Einzelcoachings mit teils fast 90 Euro pro Stunde. Die Rechnung zahlen die Beitragszahler, ob danach ein Job herausspringt oder nicht.
Dabei ist die Lage ernst. Im September waren laut Bundesagentur fast drei Millionen Menschen arbeitslos gemeldet. Unter den 20- bis 34-Jährigen hat nach dem aktuellen Berufsbildungsbericht fast jeder Fünfte keinen Berufsabschluss, die Quote liegt bei 18,8 Prozent.
Queerness, Pilze und Waldbaden
Auf „mein NOW“, dem offiziellen Weiterbildungsportal der Bundesagentur, finden sich Angebote wie „Queerness und Intersektionalität in der Jugendhilfe“, „Social Justice und Diversity Training“, Tierheilpraktiker oder „Kursleiter Waldbaden“. Für den Waldbaden-Kurs werden zwischen 1.000 und 5.000 Euro aufgerufen. Fragt ein Handwerksbetrieb, der händeringend Fachkräfte sucht, nach solchen Zertifikaten?
Berichten zufolge werben in Berlin zudem mehrere Anbieter ausschließlich auf Arabisch, auch für berufliche Qualifizierungen, bei denen solide Deutschkenntnisse eigentlich Voraussetzung sein dürften. In einem Video soll ein Geschäftsführer sogar erklärt haben, wie man Leistungskürzungen durch das Jobcenter vermeiden könne.
Niedrige Hürden, großer Markt
Für den Einstieg reicht im Wesentlichen eine Prüfung durch eine „fachkundige Stelle“ und die Zulassung der einzelnen Maßnahmen nach der AZAV-Verordnung. Die Zertifizierung kostet je nach Umfang zwischen 2.000 und 10.000 Euro. Daneben ist eine eigene Beratungsbranche entstanden, die Gründern genau dabei hilft.
Ein privater Anbieter wirbt Berichten zufolge mit Sätzen wie „der Staat zahlt“ und stellt „mehrfach 6-stellige Monatsumsätze“ in Aussicht. Sein Geschäftsführer weist den Vorwurf zurück, er verleite zum Missbrauch. Das System sei reguliert, jeder Kurs werde eigens zugelassen. Eine Pflegeausbildung mit zwölf Teilnehmern bringe rund 164.000 Euro ein, nach Abzug aller Kosten bleibe aber „nicht viel hängen“.
Razzia in drei Bundesländern
Wie anfällig das System ist, zeigt ein Ermittlungsverfahren der Berliner Justiz. Am 23. September 2025 durchsuchten rund 220 Einsatzkräfte 25 Objekte in Berlin, Brandenburg und Sachsen-Anhalt. Laut Polizei und Staatsanwaltschaft richtet sich der Verdacht des gewerbs- und bandenmäßigen Betrugs in 140 Fällen gegen elf Männer und vier Frauen.
Sie sollen von Mai 2021 bis mindestens Juli 2023 Einzelcoachings abgerechnet haben, die nie oder nur teilweise stattfanden. Der mutmaßliche Schaden: 890.974,40 Euro. Ein 42-Jähriger, der als einer der mutmaßlichen Haupttäter gilt, wurde festgenommen. Für alle Beschuldigten gilt die Unschuldsvermutung.
Auf eine parlamentarische Anfrage räumte die Bundesregierung ein, sie könne Schäden durch vorsätzliches Handeln Einzelner nicht ausschließen. Konsequenzen? Bisher keine erkennbaren. Aus Sicht unserer Redaktion bleibt eine unbequeme Frage, die sich auch Arbeitsministerin Bärbel Bas stellen muss: Wie lange wollen Bundesagentur und Bundesarbeitsministerium noch ein System verteidigen, dessen Erfolg sich vor allem in geschönten Statistiken zeigt, während fleißige Arbeitnehmer Monat für Monat die Zeche zahlen?
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