
Wenn Ideologie die Realität frisst: Linken-Berater macht AfD und Putin für islamistischen CSD-Anschlag verantwortlich

Es gibt Momente, in denen die politische Debatte in diesem Land jeden Bodenkontakt verliert. Der Anschlag auf den Christopher Street Day in Berlin – von Bundesinnenminister Alexander Dobrindt inzwischen als islamistisch eingestuft, der mutmaßliche Täter der Polizei längst als Gefährder bekannt – hätte Anlass für schonungslose Ursachenforschung sein müssen. Stattdessen erleben wir das exakte Gegenteil: eine Realitätsflucht, die sich als Aufklärung tarnt.
Der Täter? Nebensache. Hauptsache, es war irgendwie die AfD
Ein Berater der Linkspartei, der laut Medienberichten in Köln für seine Partei arbeitet und sich im Netz den bemerkenswert selbstbewussten Titel „Der radikale Demokrat“ gibt, veröffentlichte am Sonntag ein Video auf TikTok. Darin behauptete er allen Ernstes, hinter den islamistischen Anschlägen in Deutschland stecke – man muss diesen Satz zweimal lesen – die AfD. Binnen weniger Stunden sammelte der Clip nahezu 5.000 Likes ein. So funktioniert Meinungsbildung im Jahr 2026.
Seine Beweisführung? Der Anschlag habe „ganz zufällig“ drei Monate vor den Berliner Landtagswahlen stattgefunden. Dazu eine angebliche Russlandnähe der AfD. Fertig ist die Kausalkette. Dass in dieser Konstruktion weder der Täter noch dessen Motiv, noch dessen ideologischer Hintergrund eine Rolle spielen, stört offenbar niemanden – am wenigsten die tausenden Zuschauer, die solche Erzählungen dankbar konsumieren.
Ein Bekennerschreiben, das die Polizei längst eingeordnet hat
Auch den Anschlag auf das Berliner Stromnetz zu Jahresbeginn rechnet der Linken-Berater angeblichen russischen „Wegwerf-Agenten“ zu. Sein Kronzeuge: das Bekennerschreiben sei aus dem Russischen übersetzt worden. Eine Behauptung, die die Polizei bereits im Januar zurückgewiesen habe. Und weil die AfD zuvor parlamentarische Anfragen zur Sicherheit des Berliner Stromnetzes gestellt hatte, sei auch das natürlich kein Zufall. Man stelle sich das Ausmaß dieser Logik vor: Wer nach Sicherheitslücken fragt, muss der Täter sein. Nach dieser Denkschule wäre jeder Feuermelder ein Brandstifter.
„Praktisch sämtliche Politiker der AfD“ seien „Handlanger von Putin“ – so die Kernthese eines Mannes, der eine Partei berät, die im Bundestag sitzt.
Fakten? Nur, wenn sie ins Weltbild passen
Besonders entlarvend wird es dort, wo überprüfbare Tatsachen ins Spiel kommen. Der Berater behauptete, im vergangenen Jahr seien „vier russische Agenten“ dabei erwischt worden, wie sie Spenden für den Islamischen Staat sammelten. Richtig ist: Im Mai 2025 standen tatsächlich vier russische Staatsbürger in Deutschland vor Gericht, weil sie Gelder für den IS beschafft hatten. Nur handelte es sich Medienberichten zufolge um tschetschenische Islamisten – Belege für eine Tätigkeit als Agenten des Kreml existieren nicht. Aus „russische Staatsbürger“ wird eben „russische Agenten“, wenn man das Ergebnis schon kennt, bevor man mit dem Denken beginnt.
Und dann jene alte Legende, die man längst begraben glaubte: Der Messerangriff auf Michael Stürzenberger in Mannheim im Mai 2024 sei mutmaßlich aus Russland gesteuert gewesen, weil es zuvor russischsprachige Google-Suchanfragen gegeben habe. Eine These, die bereits mehrfach zerlegt wurde – und die trotzdem zuverlässig wieder auftaucht, sobald die Realität unbequem wird.
Wenn Taliban, Hamas und AfD angeblich „ein Team“ sind
Den Höhepunkt bildet die Behauptung, die AfD und islamische Extremisten wie Taliban, die iranische Führung oder die Hamas bildeten „ein Team“. Man muss kein Anhänger dieser Partei sein, um zu erkennen, wie perfide diese Gleichsetzung ist. Sie dient exakt einem Zweck: dem Ablenken von der Frage, warum ein polizeibekannter Gefährder in Berlin überhaupt in der Lage war, einen Anschlag zu verüben. Diese Frage stellt sich der deutsche Bürger – und sie wird ihm seit Jahren nicht beantwortet.
Der eigentliche Skandal liegt tiefer
Derselbe Mann hatte bereits im vergangenen Jahr für Empörung gesorgt, als er sich über die Hinterbliebenen eines Messerangriffs mokierte und über den Vater der 2023 ermordeten Ann-Marie Kyrath spottete. Wer so etwas tut und weiterhin für eine im Bundestag vertretene Partei arbeiten kann, sagt mehr über den Zustand dieser Partei aus als jedes Wahlprogramm.
Das eigentliche Problem ist jedoch nicht ein einzelner Mann mit einem Smartphone. Es ist ein politisch-medialer Reflex, der nach jedem islamistischen Anschlag zuerst nach einem „rechten Hintergrund“ sucht, statt nach dem Täter. Der Bundeskanzler brachte es fertig, den Anschlag zu verurteilen, ohne das Wort Islamismus in den Mund zu nehmen. Es ist genau diese Sprachlosigkeit, aus der die Verschwörungserzählungen dann wuchern wie Unkraut auf brachliegendem Boden.
Ein Großteil der Bevölkerung hat dieses Spiel längst durchschaut. Die Menschen wollen keine Verrenkungen, sondern Schutz. Sie wollen einen Staat, der seine Grenzen kontrolliert, Gefährder konsequent behandelt und die Wahrheit beim Namen nennt – auch dann, wenn sie ins ideologische Konzept nicht passt. Solange das nicht geschieht, wird das Vertrauen in Institutionen weiter erodieren. Und wer dem Staat nicht mehr traut, sucht Sicherheit dort, wo sie nicht von Regierungserklärungen abhängt: in realen, greifbaren Werten, die keine Pressekonferenz relativieren kann.
Hinweis: Dieser Beitrag gibt die Einschätzung unserer Redaktion auf Basis der uns vorliegenden Informationen wieder. Er stellt keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung dar. Jeder Leser ist gehalten, sich eigenständig zu informieren und Entscheidungen in eigener Verantwortung zu treffen.

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