
Zwei Minuten Film, eine ganze Branche im Spiegel: Der Fall Nastassja Kinski entlarvt die Doppelmoral des deutschen Kinos

Während sich die deutsche Filmwelt an diesem Freitagabend in Berlin wieder einmal selbst auf die Schulter klopft und Wim Wenders die Ehren-Lola überreicht bekommt, liegt ein langer Schatten über dem festlichen Glanz. Denn der als "Ikone des Weltkinos" gefeierte Regisseur weigert sich seit nunmehr 15 Jahren, einer alten Bitte nachzukommen, die menschlicher kaum sein könnte. Es geht um zwei Minuten Film – und um die Würde einer Frau.
Ein Kind, ein Slip und eine Szene, die nie hätte gedreht werden dürfen
Im Jahr 1975 drehte Wenders seinen Film "Falsche Bewegung". Nastassja Kinski war damals dreizehn Jahre alt – ein Kind. In einer rund zweiminütigen Szene liegt sie, lediglich mit einem Slip bekleidet, neben einem älteren Mann, der sich auf sie legt, sie schlägt und streichelt. Auf die Frage, was er denn von dem Kind wolle, antwortet die Figur kaltschnäuzig, sie sei kein Kind mehr. Man muss sich diese Bilder vor Augen führen, um zu begreifen, wie verstörend dieser Vorgang bis heute wirkt.
Kinski, mittlerweile 65 Jahre alt, hat über die Jahre immer wieder darum gebeten, diese Bilder aus der Welt zu schaffen. Sie wolle, so habe sie es ausgedrückt, nicht länger "das entblößte Mädchen des deutschen Autorenfilms" sein. Schon mit dreizehn habe sie gespürt, dass etwas grundlegend nicht in Ordnung gewesen sei – auch wenn sie als Kind die ganze Tragweite noch nicht habe erfassen können.
Die zerbrochene Kindheit hinter den Kulissen
Wer die Geschichte dieser Frau kennt, dem dürfte das Verständnis nicht schwerfallen. Als Tochter des berüchtigten Choleriker-Schauspielers Klaus Kinski war sie weder privat noch in der Branche jemals ein behütetes Kind. Ihre Schwester Pola habe in ihrer Autobiografie schwere Vorwürfe gegen den eigenen Vater erhoben. Und dann geriet die junge Nastassja auch noch in eine Filmwelt, die seit jeher von übergriffigen Männern durchsetzt sei, die sich über Jahrzehnte hinweg bequem hinter dem Deckmantel der Kunst hätten verstecken können.
Es geht nicht um Zensur, nicht um Kunstfreiheit, nicht um die Auslöschung eines Werks. Es geht um zwei Minuten, die einem gefeierten Regisseur keinerlei Mühe bereiten sollten.
Wenders verschanzt sich hinter der Kunst
Und was tut der gefeierte Filmgott? Er zeigt zwar Verständnis, bewegt sich aber keinen Millimeter. Die Szene sei damals "künstlerisch zwingend" gewesen, so seine Erklärung. Eine Formulierung, die in ihrer ganzen Selbstgefälligkeit kaum zu überbieten ist. Kinski sah sich daher gezwungen, einen renommierten Medienanwalt einzuschalten, denn der Film lässt sich nach wie vor streamen. Die quälenden Bilder bleiben abrufbar – Jahr für Jahr, Klick für Klick.
Bemerkenswert ist: Kinski wolle weder Ruhm noch Lebenswerk des heute achtzigjährigen Wenders beschädigen. Sie wolle lediglich ein wenig Frieden für sich selbst. Bescheidener kann eine Forderung kaum ausfallen.
Eine Branche, die ihre Götter schont
Hier offenbart sich die ganze verlogene Doppelmoral einer Industrie, die einerseits gerne lautstark die #MeToo-Fahne schwenkt, andererseits aber nicht bereit ist, die Verfehlungen ihrer eigenen Idole ans Licht zu zerren. Wenn es um die kleinen Leute geht, wird mit dem Finger gezeigt. Geht es jedoch um einen der eigenen "Heiligen", schweigt man betreten und schiebt alles auf die "anderen Zeiten von damals". Diese selektive Empörung, dieses moralische Doppelmaß, ist symptomatisch für einen Kulturbetrieb, der gerne über Werte predigt, sie aber im eigenen Haus nicht anzuwenden weiß.
Größe zeigt sich im Entgegenkommen
Fünfzig Jahre nach den Dreharbeiten hätte Wenders jede Möglichkeit, dieser Frau entgegenzukommen. Nicht aus Schuld, sondern aus Größe, aus Anstand, aus schlichter Menschlichkeit. Schließlich verdankt sein Kino Kinski viel – auch der gefeierte "Paris, Texas" wäre ohne sie nicht zum Mythos geworden. Doch ob man am Freitagabend erleben wird, wie ein gefeierter Regisseur auf offener Bühne Verantwortung übernimmt? Wohl kaum. Womöglich regt sich Protest aus den Reihen der Jüngeren, die unbequeme Fragen stellen. Fragen, denen sich die alte Garde des deutschen Films lieber nicht stellen möchte – die sie aber dringend beantworten müsste.
Die Verdrängung und das Vertuschen haben in dieser Branche reale Leben zerstört. Und das ist tragischer, als es jemals ein deutscher Film hätte darstellen können. Es wäre an der Zeit, dass die selbsternannten Hüter der Moral endlich vor der eigenen Haustür kehren.

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