
59 Prozent Pünktlichkeit: Wie ein Staatskonzern das Scheitern zur neuen Normalität erklärt

Vier Minus. Diese Note vergibt die Chefin der Deutschen Bahn, Evelyn Palla, ihrem eigenen Konzern in Sachen Zuverlässigkeit – und liegt damit vermutlich noch großzügig daneben. Im ersten Halbjahr erreichten gerade einmal 58,7 Prozent der Fernzüge ihr Ziel pünktlich. Anders formuliert: Wer in Deutschland einen ICE besteigt, spielt statistisch betrachtet Münzwurf mit seinem Terminkalender. In einem Land, das sich einst für seine Ingenieurskunst und Verlässlichkeit feiern ließ, ist das mehr als eine Panne. Es ist ein Symptom.
Schönreden mit System
Immerhin, so muss man Palla zugutehalten, versucht sie es nicht mit Verschleierung. Der Wert sei kein guter, da gebe es nichts zu beschönigen, ließ sie die „Welt am Sonntag" wissen. Doch kaum ist das Eingeständnis ausgesprochen, folgt die Relativierung auf dem Fuße: In drei von vier Fällen habe die Verspätung schließlich unter einer Viertelstunde gelegen. Und überhaupt dürfe man die Bahn nicht schlechter reden, als sie sei.
Man stelle sich einen Handwerker vor, der jeden zweiten Termin platzen lässt – und sich damit verteidigt, dass er ja meistens nur ein bisschen zu spät komme.
Bemerkenswert ist auch, was die Statistik gar nicht erst erfasst. Ein Fernzug gilt erst ab sechs Minuten Verzögerung als verspätet. Und Züge, die überhaupt nicht fahren? Fallen aus der sogenannten betrieblichen Pünktlichkeit schlicht heraus. Wer nie ankommt, kann eben auch nicht zu spät sein. Eine Buchhaltung, um die manch kreativer Bilanzchef die Bahn beneiden dürfte.
Das selbstgesteckte Ziel – und wie man es verfehlt
Sechzig Prozent Pünktlichkeit hatte Palla für das laufende Jahr ausgegeben. Ein Ziel, das an Bescheidenheit kaum zu unterbieten ist – und das der Konzern dennoch reißt. Zur Erinnerung: In den neunziger Jahren, vor der Bahnreform, galten Werte um die neunzig Prozent als selbstverständlich. Seither wurde privatisiert, börsenreif gemacht, umstrukturiert, in Sparten zerlegt und wieder zusammengeführt. Das Schienennetz schrumpfte über Jahrzehnte, Ausweichstrecken verschwanden, Weichen wurden abgebaut. Wer heute über marode Brücken und havarierte Stellwerke klagt, klagt über die Ernte einer jahrzehntelangen politischen Aussaat.
Der Steuerzahler zahlt doppelt
Denn eines darf man nicht vergessen: Die Deutsche Bahn ist kein normales Unternehmen, sondern gehört zu hundert Prozent dem Bund. Milliarden aus Steuergeldern fließen in den Konzern, um ihn überhaupt am Leben und zuletzt sogar zurück in die Gewinnzone zu bringen. Der Bürger finanziert also nicht nur seine Fahrkarte, sondern gleich noch den Betrieb dazu – und darf sich dann am Bahnsteig anhören, man solle das Ganze bitte nicht schlechtreden.
Während in Berlin über 500 Milliarden Euro Sondervermögen für Infrastruktur debattiert wird und die Klimaneutralität ihren Weg ins Grundgesetz fand, bleibt die simple Frage unbeantwortet: Warum bekommt eine der größten Industrienationen der Welt es nicht hin, dass Züge fahren? Politiker aller Couleur haben die Schiene jahrzehntelang als Verschiebemasse behandelt – mal als Sanierungsfall, mal als grünes Prestigeprojekt, selten als das, was sie sein sollte: eine funktionierende Grundversorgung.
Verlässlichkeit als Wert – auch beim Vermögen
Palla betont, man werde zu oft allein an der Fernverkehrspünktlichkeit gemessen, das sei nur das halbe Bild. Mag sein. Doch für den Pendler, den Geschäftsreisenden, die Familie auf dem Weg in den Urlaub ist genau das die entscheidende Größe. Vertrauen entsteht nicht durch Kennzahlen-Kosmetik, sondern durch Zuverlässigkeit.
Und genau darin liegt eine Lehre, die weit über den Bahnsteig hinausreicht: Wer sich auf staatlich gelenkte Strukturen verlässt, ist am Ende oft verlassen. Ob bei der Infrastruktur, bei der Rente oder bei der Kaufkraft des eigenen Geldes – Verlässlichkeit ist in Deutschland zur Mangelware geworden. Physische Edelmetalle wie Gold und Silber haben in solchen Zeiten stets bewiesen, was Beständigkeit bedeutet: Sie brauchen kein Stellwerk, keinen Fahrplan und keine Ausrede.
Hinweis: Dieser Beitrag gibt die Einschätzung unserer Redaktion wieder und stellt keine Anlageberatung dar. Jeder Leser ist verpflichtet, sich eigenständig zu informieren und trägt die Verantwortung für seine Anlageentscheidungen selbst.
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