
Agrar-Offensive am Bosporus: Rainer verspricht deutschen Bauern neue Märkte

Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer (CSU) war am Mittwoch in der Türkei — als erster deutscher Agrarminister seit zehn Jahren. Gemeinsam mit seinem Amtskollegen Ibrahim Yumakli unterzeichnete er eine Absichtserklärung zum Ausbau des Agrarhandels. Das Ziel: mehr Exporte, weniger Handelshemmnisse, engere Forschungskooperation.
„Auf Augenhöhe" — was steht im Papier?
Rainer sprach von neuem Schub für deutsche Agrar- und Ernährungsexporte, ganz im Sinne der Agrarexportstrategie der Bundesregierung.
„Konkret geht es darum, den Handel mit Gütern und Technik sowie die Forschungskooperation zum Vorteil beider Seiten und auf Augenhöhe auszubauen."
Laut der gemeinsamen Erklärung sollen Handelshemmnisse bei Agrarerzeugnissen, Lebensmitteln, Agrartechnologien und Dienstleistungen abgebaut werden. Auch die Zusammenarbeit bei Pflanzengesundheit, Veterinärmedizin und Agrarforschung soll wachsen. Künftig wollen sich die Staatssekretäre beider Länder jährlich im Wechsel treffen. Rainer dankte seinem Gastgeber für ein „sehr gutes und vertrauensvolles Gespräch". Von „viel Potential" sprach er ebenfalls.
Die Zahlen zeigen: Deutschland ist der Verlierer im Agrarhandel
Ein Blick in die Statistik des Bundesagrarministeriums relativiert die Aufbruchstimmung. 2025 führte Deutschland nach vorläufigen Zahlen Agrargüter für rund 2,1 Milliarden Euro aus der Türkei ein — exportierte aber nur für 763 Millionen Euro dorthin. Beim Agrarhandel mit der Türkei ist Deutschland damit klarer Nettoimporteur.
Türkischer Exportschlager sind Nüsse und Dörrobst: Rund 114.390 Tonnen Schalen- und Trockenfrüchte im Wert von 804 Millionen Euro landeten laut den Daten 2025 in Deutschland. Umgekehrt dominierten Rohtabak (165 Millionen Euro), Kakao-Erzeugnisse (136 Millionen Euro) und Backwaren (74 Millionen Euro) die deutsche Ausfuhrliste. Immerhin: Die deutschen Agrarexporte in die Türkei legten 2025 um 19,4 Prozent zu.
Warum die Landwirtschaft dort mehr zählt als hier
Die Türkei ist eine Agrarmacht. Etwa 38 Millionen Hektar — die Hälfte der Landfläche — werden landwirtschaftlich genutzt, bei Haselnüssen, Feigen und Aprikosen gehört das Land zu den weltgrößten Produzenten. Fast 15 Prozent der Erwerbstätigen arbeiteten dort 2023 in der Landwirtschaft, der Sektor trug 2024 rund 5,6 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei.
In Deutschland dagegen kämpfen Betriebe seit Jahren mit Dokumentationspflichten, Düngeverordnung, Tierwohl-Auflagen und steigenden Energiekosten. Aus Sicht unserer Redaktion liegt hier die eigentliche Baustelle: Neue Absatzmärkte helfen wenig, wenn die heimische Produktion durch Bürokratie und Brüsseler Detailregulierung ausgebremst wird. Wer exportieren will, muss erst einmal wettbewerbsfähig produzieren dürfen.
Diplomatie mit offenen Fragen
Bemerkenswert bleibt, dass ein deutscher Agrarminister ein Jahrzehnt lang keinen Besuch in Ankara für nötig hielt. Beobachter dürften die Reise deshalb auch als politisches Signal lesen — in einer Zeit, in der Handelskonflikte und Zollschranken weltweit zunehmen und verlässliche Partnerschaften seltener werden.
Ob aus der Absichtserklärung mehr wird als ein freundliches Foto, entscheidet sich erst in der Umsetzung. Denn Handelshemmnisse abzubauen, klingt in Papieren stets einfacher als in der Praxis von Zoll, Zulassung und Veterinärrecht.
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