
Ex-BND-Chef in U-Haft: Maaßen spricht von „konstruiertem Schafott“

Ein Spionagefall wie ein Erdbeben, und jetzt kommt ein Gegenangriff aus den eigenen Reihen. Der frühere Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen wirft den Ermittlern im Fall des ehemaligen BND-Präsidenten August Hanning vor, möglicherweise politisch motiviert vorzugehen. Der 80-Jährige sitzt seit Anfang Oktober 2026 wegen Spionageverdachts in Untersuchungshaft.
Der Vorwurf: 2000 Geheimpapiere über Jahre
Hanning und sein langjähriger Büroleiter Manfred D. wurden Medienberichten zufolge Anfang Oktober vom Bundeskriminalamt festgenommen. Die Bundesanwaltschaft verdächtige Hanning der landesverräterischen Ausspähung, des versuchten Landesverrats und der geheimdienstlichen Agententätigkeit. Laut den Berichten soll er sich zwischen 2010 und Sommer 2021 rund 2000 vertrauliche Dokumente aus der BND-Spitze beschafft haben.
Nach seiner Dienstzeit arbeitete Hanning als privater Sicherheitsberater. Die Ermittler gehen nach Medienberichten davon aus, er habe die Informationen zu Geld machen wollen. Zudem soll er Kontakt zu Angehörigen ausländischer Nachrichtendienste gehabt haben. Inzwischen hat der Ermittlungsrichter am Bundesgerichtshof die Haftbefehle in Vollzug gesetzt. Hanning führte den Bundesnachrichtendienst von 1998 bis 2005 und war damit einer der mächtigsten Sicherheitsbeamten der Republik.
Maaßen: „Eigentlich unvorstellbar“
Im Interview mit dem Radiosender Kontrafunk stellt sich Maaßen demonstrativ vor seinen alten Weggefährten. Er kenne Hanning seit etwa 25 Jahren. Die Anschuldigungen hält er für kaum plausibel, denn die Sicherheitsvorkehrungen im BND machten einen solchen Abfluss von Geheimunterlagen nach seiner Darstellung äußerst schwierig.
„Wenn es jetzt heisst 2000 Dokumente – ich halte es für eigentlich unvorstellbar, dass so etwas möglich ist.“
Noch deutlicher wird Maaßen an anderer Stelle. Er sei der Meinung, hier werde gegen Hanning „ein konstruiertes Schafott“ errichtet. Den früheren BND-Chef beschreibt er als „hochloyalen, hochkompetenten Beamten, der nie an krumme Sachen dachte“.
Fluchtgefahr bei einem kranken 80-Jährigen?
Auch die Begründung für die Untersuchungshaft stellt Maaßen infrage. Dass bei einem gesundheitlich angeschlagenen Mann dieses Alters Fluchtgefahr bestehen solle, wirft für ihn Fragen auf. Man müsse sich wirklich fragen, ob das ernst gemeint sei, sagt er.
Besonders scharf kritisiert Maaßen die Bilder von der Festnahme. Kamerateams seien offenbar vorab informiert gewesen. Er sieht darin den Versuch, Hanning öffentlich vorzuführen. Ob das so stimmt, lässt sich nicht unabhängig prüfen. Der Vorwurf passt aber zu einem Muster, das Kritiker der Justiz seit Langem beklagen: Wer erst einmal vor laufender Kamera abgeführt wird, ist in der Öffentlichkeit oft schon verurteilt, bevor ein Richter überhaupt ein Wort gesprochen hat.
Die Spur nach Hamburg
Hinter den Ermittlungen vermutet Maaßen eine persönliche Retourkutsche. Hanning hatte im Zusammenhang mit dem Verfahren um die Hamburger Unternehmerfamilie Block Strafanzeige gegen Hamburger Staatsanwälte gestellt, und zwar wegen Verfolgung Unschuldiger. Nach Medienberichten ermittelt die Hamburger Staatsanwaltschaft ihrerseits gegen Hanning im Zusammenhang mit der mutmaßlichen Entführung der Block-Kinder. Hanning weist das zurück.
Bemerkenswert ist der zeitliche Ablauf. Die Spionagevorwürfe sollen laut Berichten erst durch Funde bei einer Durchsuchung im Block-Komplex im September 2025 ins Rollen gekommen sein. Im Mai 2026 gab Hamburg den Fall an den Generalbundesanwalt ab.
Was bleibt? Viele Fragen
Ist das ein beispielloser Verrat an der Spitze des Staates? Oder rächen sich Behörden an einem unbequemen Kritiker? Welche Beweise die Ermittler tatsächlich in der Hand haben, ist bislang nicht öffentlich bekannt. In Berlin fordern Politiker nach Medienberichten bereits strengere Regeln für Anschlussjobs früherer Geheimnisträger.
Eines steht fest: Bis zu einem rechtskräftigen Urteil gilt für August Hanning die Unschuldsvermutung. Ein Rechtsstaat muss diesen Grundsatz gerade dann ernst nehmen, wenn der Verdacht schwer wiegt und die Kameras schon laufen.
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