
Gas-Alarm vor dem Winter: Droht Deutschland der nächste Preisschock?

Europa geht mit halb leeren Speichern und einer riskanten Einkaufsstrategie in den Winter. Huibert Vigeveno, Chef des Schweizer Energiehändlers MET Group, hält Gaspreise von bis zu 100 Euro je Megawattstunde für möglich, falls die Straße von Hormus noch monatelang gestört bleibt. Die staatseigenen Konzerne Sefe und Uniper widersprechen ihm nicht. Ihre Beruhigungsversuche klingen allerdings eher vorsichtig.
Europa kauft teuer auf dem Spotmarkt
Vigeveno sieht das Problem darin, dass Europa zu wenig Flüssigerdgas über langfristige Verträge gesichert habe. Gegenüber Bloomberg sagte er, ein großer Teil der weltweiten Langfristmengen gehe nach Asien. Europa hänge dagegen stärker am Spotmarkt, und er fragte, wie klug das sei.
Auf dem Spotmarkt bekommt der Käufer den Zuschlag, der am meisten zahlt. Sefe-Sprecher Christoph Gottstein erklärte, LNG werde dorthin geliefert, wo Nachfrage und Zahlungsbereitschaft am größten seien. Bei kurzfristig benötigten Tankerladungen konkurriert Europa also direkt mit Käufern aus Asien. Selbst wenn Hormus wieder vollständig öffne, könne es laut Vigeveno mindestens drei Monate dauern, bis die Exporte wieder normal laufen.
Die Zahlen sind schon jetzt bitter
Am europäischen Handelspunkt TTF kostet Gas rund 72 Euro pro Megawattstunde. So hoch lag der Preis zuletzt Anfang Januar 2023. Vor etwa einem Jahr waren es noch 32 Euro. Medienberichten zufolge treiben der Iran-Krieg und die Probleme rund um Hormus den Markt seit Monaten nach oben. Am Ende zahlen Haushalte und Mittelständler die höhere Rechnung.
Die Speicher bieten kaum Schutz. Nach Daten von Gas Infrastructure Europe sind sie nur zu rund 57 Prozent gefüllt. Für diese Jahreszeit ist das ein historischer Tiefstand. Zum 1. November gilt ein Ziel von etwa 70 Prozent. Im Sommer lohnte sich das Einspeichern wegen der hohen kurzfristigen Preise kaum. Deshalb musste der Staat mit Ausschreibungen eingreifen und mit Sefe und Uniper über zusätzliche Mengen verhandeln.
Die späten Folgen der Energiepolitik
Nach dem Aus für Nord Stream baute die Ampel unter Robert Habeck (Grüne) schwimmende LNG-Terminals in Rekordzeit. Bei langen Lieferverträgen zögerte sie jedoch. Deutschland wollte sich mit Blick auf die Klimaneutralität 2045 nicht über Jahrzehnte an neues fossiles Gas binden. Genau dieses Zögern könnte sich jetzt rächen.
Dazu kommt 2027 der vollständige Ausstieg der EU aus russischem Gas. Langfristige LNG-Lieferungen aus Russland fallen im Januar weg, spätestens zum 1. November auch das restliche Pipelinegas über TurkStream. Deutschland bezieht schon seit 2022 kein russisches Pipelinegas mehr direkt und seit 2024 auch kein russisches LNG.
Beruhigung mit Einschränkungen
Sefe, die frühere Gazprom Germania, sieht nach eigenen Angaben aktuell kein Mengenproblem. Der Konzern verweist auf Verträge mit Lieferanten in Europa, Amerika und dem Nahen Osten, darunter neue Partner in Argentinien, Aserbaidschan, Kanada und Oman. Langfristig heißt aber nicht automatisch günstig. Beim Kanada-Deal warnte die Energieanalystin Ana Maria Jaller-Makarewicz:
„Kanadisches LNG wird für EU-Kunden zum teuersten LNG werden“
Uniper hält Deutschland für deutlich besser aufgestellt als in der Krise von 2022. Nach Angaben des Konzerns spürt er keinen direkten Mengeneffekt, weil er kein LNG aus der Golfregion bezieht. Geopolitische Spannungen könnten sich aber auf Preise und Verfügbarkeit auswirken.
Neue Pflichten statt Marktlösungen?
Für 2027 wird bereits über einen Systemwechsel diskutiert. Versorger, Kraftwerksbetreiber und Händler könnten verpflichtet werden, zu bestimmten Stichtagen Mindestmengen Gas vorzuhalten. Das Wirtschaftsministerium betont, konkrete Vorschläge gebe es noch nicht. Kritiker dürften darin trotzdem die nächste Regulierungsschicht sehen, deren Kosten am Ende die Verbraucher tragen.
Die Lehre aus diesem Herbst: Energiesicherheit lässt sich nicht einfach per Beschluss herstellen. Wer die eigenen Ersparnisse gegen Preisschocks und Inflation schützen will, sollte auf breite Streuung achten. Physisches Gold und Silber können dabei eine sinnvolle Beimischung sein.
Hinweis: Dieser Beitrag ist keine Anlageberatung. Jeder Anleger muss selbst recherchieren und ist für seine Anlageentscheidungen selbst verantwortlich.

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