
Jungheinrich-Chef rechnet mit deutscher Arbeitsmoral ab: „So gehen wir kaputt"

Es sind Worte, die in deutschen Gewerkschaftszentralen wie Peitschenhiebe einschlagen dürften. Lars Brzoska, Vorstandsvorsitzender des Hamburger Gabelstapler-Herstellers Jungheinrich, hat in einem aufsehenerregenden Interview mit der Wochenzeitung „Die Zeit" eine schonungslose Diagnose des Wirtschaftsstandorts Deutschland gestellt – und dabei kein Blatt vor den Mund genommen. Seine zentrale Forderung: Zurück zur 40-Stunden-Woche in der Industrie, und zwar ohne Lohnausgleich.
Die unbequeme Wahrheit über Deutschlands Produktivität
Während hierzulande Tarifverträge vielen Industriearbeitern lediglich 35 Wochenstunden abverlangen und die IG Metall unverdrossen auf weitere Arbeitszeitverkürzungen bei vollem Lohnausgleich drängt, zeichnet Brzoska ein düsteres Bild der deutschen Wettbewerbsfähigkeit. Eine Arbeitsstunde in Deutschland koste sechsmal so viel wie in Indien, so der Manager. Persönlich gönne er den Menschen zwar kürzere Arbeitszeiten, doch die Konsequenz sei brutal: „So gehen wir kaputt, dann hat irgendwann gar keiner mehr Arbeit."
Man muss sich diese Aussage auf der Zunge zergehen lassen. Hier spricht kein weltfremder Theoretiker aus einem Elfenbeinturm, sondern der Chef eines international agierenden Unternehmens mit rund 20.000 Mitarbeitern, der tagtäglich den globalen Wettbewerb hautnah erlebt. Und was er sieht, sollte jeden wirtschaftspolitisch Interessierten alarmieren.
China: 140 Stunden pro Woche als Karriere-Einstieg
Besonders eindrücklich schildert Brzoska den Kontrast zur chinesischen Arbeitskultur. Dort herrsche „eine unglaubliche Arbeitsmoral". Ein typischer Uni-Absolvent arbeite in einem Robotik-Unternehmen ein Jahr lang 20 Stunden täglich, sieben Tage die Woche – insgesamt 140 Stunden. Nur wer diese Feuerprobe bestehe, steige auf. Die Logik dahinter sei simpel: Gib für den Aufstieg einige Zeit alles, um dann später „nur noch" zwölf Stunden am Tag zu arbeiten.
Nun mag man einwenden, dass solche Arbeitsbedingungen weder erstrebenswert noch menschenwürdig seien – und damit hätte man zweifellos recht. Doch darum geht es Brzoska offensichtlich nicht. Es geht ihm um die grundsätzliche Haltung, um den Hunger nach Erfolg, um den unbedingten Willen, sich im globalen Wettbewerb durchzusetzen. Und genau dieser Hunger scheint in Deutschland zunehmend einem satten Behaglichkeitsgefühl gewichen zu sein.
Roboter statt Visionen: Chinas technologischer Vorsprung
Wie weit der Vorsprung des Reichs der Mitte bereits reicht, illustriert Brzoska am Beispiel einer hochautomatisierten Fabrik eines chinesischen Kunden. Dort habe er rund 200 mobile Logistikroboter im Dauereinsatz gesehen, die Paletten durch das Werk transportierten. Das sei „faszinierend und erschreckend zugleich". Diese Roboter hätten sich für den Kunden in weniger als einem Jahr amortisiert. China sei Europa bei Robotik und Künstlicher Intelligenz „deutlich voraus".
Deutschland fehlt die große Vision
Besonders hart geht Brzoska mit der deutschen Wirtschaftspolitik ins Gericht. Während Peking mit konsequenten Fünfjahresplänen eine Hightech-Agenda verfolge und die gesamte Industrie daran ausrichte, sehe er hierzulande „nur viele kleine Ideen, die eher parteipolitisch oder populistisch geprägt sind". Die große Vision für Deutschland fehle schlichtweg.
Und genau hier liegt der wunde Punkt. Denn wer die politische Landschaft der vergangenen Jahre Revue passieren lässt, erkennt ein erschreckendes Muster: Statt sich um die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts zu kümmern, hat sich die Politik jahrelang in ideologischen Grabenkämpfen um Gendern, Klimakleber und Identitätspolitik verloren. Die Ampelkoalition, die im November 2024 verdient zerbrach, hinterlässt ein wirtschaftspolitisches Trümmerfeld. Ob die neue Große Koalition unter Friedrich Merz den Karren aus dem Dreck ziehen kann, bleibt abzuwarten – die Skepsis ist berechtigt, zumal das frisch beschlossene 500-Milliarden-Euro-Sondervermögen eher nach Schuldenorgie als nach Strukturreform klingt.
Debatten über einen Tag mehr oder weniger Urlaub nannte Brzoska treffend „Symbolpolitik", die bei Weitem nicht ausreiche. Wer sich angesichts der globalen Herausforderungen mit solchen Nebensächlichkeiten beschäftigt, der hat den Ernst der Lage offenbar noch nicht begriffen. Deutschland braucht keine Wohlfühldebatten, sondern einen grundlegenden Mentalitätswandel – mehr Leistungsbereitschaft, weniger Anspruchsdenken, und vor allem Politiker, die den Mut haben, unbequeme Wahrheiten auszusprechen und danach zu handeln.
Ob die Worte des Jungheinrich-Chefs Gehör finden werden, darf bezweifelt werden. Zu laut ist das Geschrei derer, die in jeder Forderung nach mehr Arbeit einen Angriff auf den Sozialstaat wittern. Doch die Realität des globalen Wettbewerbs kennt keine Sentimentalitäten. Sie kennt nur Gewinner und Verlierer. Und Deutschland ist gerade dabei, sich auf der falschen Seite einzureihen.

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