
Kinderärzte schlagen Alarm: „Es wird unerträglich“

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) warnt vor einem massiven Personalmangel in der medizinischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen. Ganze Stationen müssten bereits schließen, weil sich kein Pflegepersonal finde. Verbandssprecher Jakob Maske rechnet laut einem Bericht der Neuen Osnabrücker Zeitung damit, dass sich die Lage in den nächsten drei bis vier Jahren dramatisch verschärft.
„Himmelschreiender Mangel“ bei den Schwächsten
Besonders bitter: Betroffen ist offenbar genau der Bereich, in dem es um Leben und Tod geht. In der Spezialpflege für Frühgeborene, Schwerstkranke und Intensivpatienten sprach Maske von einem „himmelschreienden Mangel“.
Seine Prognose fällt düster aus. Wörtlich sagte er dem Bericht zufolge:
„Ich fürchte, dass es bald einen großen Knall gibt. Es wird nicht lange dauern. Die einen gehen weg, die anderen kommen nicht nach, in den kommenden drei, vier Jahren wird es unerträglich.“
Dass das keine bloße Schwarzmalerei ist, zeigt ein Blick zurück. Maske erinnerte an den Winter vor zwei Jahren, als Impfstoff gegen das RS-Virus fehlte und Berliner Kinder in Kliniken nach Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern verlegt werden mussten — die Häuser in der Hauptstadt waren überlastet, Fachkräfte fehlten.
Reform mit Nebenwirkungen: die generalistische Pflegeausbildung
Als Hauptursache benennt der BVKJ-Sprecher eine politische Entscheidung: die vor rund sechseinhalb Jahren beschlossene und 2020 eingeführte generalistische Pflegeausbildung. Sie hatte die getrennten Ausbildungswege in Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpflege zu einem einheitlichen Berufsbild verschmolzen.
Die Folge in der Praxis: Wer Kinder pflegen will, muss zunächst zwei Jahre mit Erwachsenen arbeiten. Genau das schrecke viele Bewerber ab, die sich von Beginn an für die Arbeit mit Kindern entschieden hätten, so Maske.
Ein Lehrstück darüber, was passiert, wenn am Schreibtisch nach Effizienzlogik vereinheitlicht wird, was in der Realität hochspezialisiert sein muss. Ein Frühchen auf der Intensivstation ist kein kleiner Erwachsener.
Appell an den neuen Gesundheitsminister
Der Verbandssprecher richtet seinen Appell an Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU). Dieser müsse schnell handeln — und die Reform aus dem Jahr 2020 nach Ansicht Maskes zurücknehmen, weil sie erheblichen Schaden angerichtet habe.
Aus Sicht unserer Redaktion ist das ein Testfall für die Große Koalition: Während in Berlin über Sondervermögen in dreistelliger Milliardenhöhe und ambitionierte Klimaziele im Grundgesetz debattiert wird, fehlen an der Basis die Menschen, die kranke Kinder versorgen. Eine Kernaufgabe des Staates.
Für viele Eltern dürfte die entscheidende Frage schlicht lauten: Wer kümmert sich um mein Kind, wenn es nachts ins Krankenhaus muss? Fehlende Betten und geschlossene Stationen sind kein abstraktes Verwaltungsproblem — sie treffen Familien unmittelbar.
Ob der Minister die Reform tatsächlich anfasst, ist offen. Klar ist nur: Zeit hat die Politik nach Einschätzung des Berufsverbands nicht mehr viel. Wenn eine Generation an Fachkräften in den Ruhestand geht und keine neue nachwächst, lässt sich diese Lücke nicht per Verordnung schließen.
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