
Mercedes-Ultimatum: Billiger arbeiten – oder zwei Werke machen dicht!

Beim Stern brennt die Hütte. Auf einer Betriebsversammlung in Sindelfingen hat Mercedes-Produktionsvorstand Michael Schiebe den Beschäftigten ein Ultimatum gestellt: Sinken die Arbeitskosten in Deutschland nicht spürbar, muss der Konzern seinen Worten zufolge ein Montagewerk und ein Powertrain-Werk schließen. Welche Standorte gemeint sind, verriet er nicht.
Eine Drohung mit Ansage
Ein Unternehmenssprecher bestätigte die Aussagen, wie Medien berichten. Schiebe wird dort mit einem Satz zitiert, der in den Werkshallen einschlug wie ein Blitz:
„Gelingt uns dies nicht, werden wir ein deutsches Aufbauwerk sowie ein deutsches Powertrainwerk schließen müssen."
Die Liste möglicher Kandidaten ist lang. Autos baut Mercedes in Deutschland neben Sindelfingen auch in Rastatt und Bremen. Komponenten entstehen in Stuttgart-Untertürkheim, Affalterbach, Berlin, Hamburg, Kamenz sowie in Kölleda und Arnstadt. Zehntausende Beschäftigte wissen seit dieser Woche nicht, ob ihr Werk zu den Verlierern gehört.
800 Millionen Euro und zwei Stunden mehr
Laut Medienberichten will der Autobauer bis zu 800 Millionen Euro an Arbeitskosten einsparen. Diskutiert werden demnach längere Arbeitszeiten, im Gespräch ist eine 38-Stunden-Woche bei gleichem Lohn. Dafür braucht Mercedes allerdings den Betriebsrat und die IG Metall.
Und die zeigen sich wenig kompromissbereit. Der Gesamtbetriebsrat erklärte, man kenne zwar die schwierige wirtschaftliche Lage. Doch wer die Belegschaft vor die Wahl „Verzicht oder Werksschließung" stelle, dem gelte ein klares „Nicht mit uns". Bundesweit folgten zuletzt nach Gewerkschaftsangaben rund 175.000 Menschen einem Protestaufruf der IG Metall. Allein von Mercedes waren es etwa 20.000. Ab dem 7. Oktober beginnt die Tarifrunde der Metall- und Elektroindustrie. Es dürfte ein heißer Herbst werden.
Dividenden hui, Belegschaft pfui?
Pikant ist der Zeitpunkt. Denn im ersten Halbjahr 2026 flossen Berichten zufolge Milliardenbeträge in Dividenden und Aktienrückkäufe. Kritiker sehen darin eine Schieflage, die den Sparappell an die Belegschaft kaum glaubwürdiger macht. Wer am Band steht, versteht schwer, warum ausgerechnet er den Gürtel enger schnallen soll.
Das eigentliche Problem sitzt in Berlin
So berechtigt der Unmut der Beschäftigten ist, greift der Blick allein auf den Vorstand zu kurz. Löhne handeln Unternehmen und Gewerkschaften aus. Steuern, Energiepreise, Sozialabgaben und die ausufernde Bürokratie aber macht die Politik. Und genau dort hakt es seit Jahren.
Mercedes-Aufsichtsratschef Martin Brudermüller hatte die Reformträgheit bereits scharf kritisiert und vor einem weiteren Absturz der Wettbewerbsfähigkeit gewarnt. Die Regierung Merz war mit dem Versprechen eines wirtschaftspolitischen Aufbruchs angetreten. Stattdessen stehen ein 500-Milliarden-Sondervermögen auf Pump, steigende Sozialbeiträge und Energiekosten, die im internationalen Vergleich weiter schmerzen. Für viele Industriemanager ist das kein Aufbruch, sondern Stillstand mit neuem Etikett.
Ungarn lacht, Deutschland verliert
Wohin die Reise geht, zeigt Kecskemét. Im ungarischen Werk liegen die Lohnkosten deutlich unter deutschem Niveau, Mercedes baut den Standort kräftig aus und verlagert zusätzliche Modelle dorthin, darunter Medienberichten zufolge die A-Klasse aus Rastatt. Parallel investiert der Konzern Milliarden in den USA.
Mercedes ist kein Einzelfall. Quer durch die Industrie streichen Unternehmen Stellen, verschieben Investitionen ins Ausland und stellen ganze Standorte auf den Prüfstand. Die Botschaft aus Sindelfingen ist deshalb größer als ein Tarifkonflikt: Selbst die Kronjuwelen der deutschen Industrie sind nicht mehr sicher. Ob Berlin diesen Weckruf endlich hört, bleibt die Frage des Herbstes.
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