
Pharma-Wende: Westliche Konzerne kaufen Milliarden-Wirkstoffe aus China!

Die Rollen in der Pharmabranche werden neu verteilt. Chinesische Biotech-Firmen bringen immer mehr eigene Wirkstoffe gegen Fettleibigkeit, Diabetes und Krebs auf den Markt. Westliche Branchenriesen wie Novo Nordisk, Novartis und Takeda zahlen Milliarden, um sich die Rechte daran zu sichern. Europa droht dabei vom Erfinder zum bloßen Einkäufer zu werden.
Die Abnehmspritze, die Novo und Lilly nervös macht
Auf Chinas großen Online-Marktplätzen verkauft sich die Abnehmspritze Mazdutide unter dem Markennamen Xinermei glänzend. Hergestellt wird sie vom Biotech-Konzern Innovent. Das Mittel wirkt laut Hersteller doppelt: Es soll den Appetit dämpfen und zugleich den Energieverbrauch des Körpers erhöhen.
Ironie der Geschichte: Den Wirkstoff hat ursprünglich der US-Konzern Eli Lilly in seinen Laboren entwickelt. In China wurde daraus die erste heimische Abnehmspritze dieser Art mit Zulassung. Jetzt könnte das Präparat ausgerechnet den bisherigen Platzhirschen Novo Nordisk und Eli Lilly international Konkurrenz machen.
Und das dürfte erst der Anfang sein. Schätzungen zufolge arbeiten chinesische Firmen an mehr als 250 Wirkstoffkandidaten zur dauerhaften Gewichtsreduktion. Hinzu kommen zahlreiche Projekte gegen Typ-2-Diabetes.
Milliarden-Schecks statt eigener Labore
Besonders viel Aufmerksamkeit bekommt eine Abnehmpille von Hengrui Pharma, die derzeit zum ersten Mal an Menschen getestet wird. Sie soll gegen Adipositas und Typ-2-Diabetes helfen und womöglich nur einmal pro Woche eingenommen werden müssen. Novo Nordisk hat sich Ende September die weltweiten Rechte daran gesichert, der Deal ist bis zu 2,6 Milliarden Dollar wert. 300 Millionen Dollar fließen sofort, der Rest hängt an Studienerfolgen, Zulassungen und Umsätzen.
Für den dänischen Konzern, der bei seinem Bestseller Wegovy Medienberichten zufolge mit nachlassendem Wachstum und wachsendem Konkurrenzdruck kämpft, ist das eine teure Versicherung für die Zukunft.
Novo Nordisk ist dabei kein Einzelfall. Nach Daten des Marktforschers IQVIA erreichten Lizenzgeschäfte im ersten Halbjahr 2026 ein Volumen von 92 Milliarden Dollar. Thomas Solbach, Pharmaexperte bei der Beratung Strategy&, sagte der österreichischen Zeitung Kurier:
„Rund die Hälfte des globalen Dealvolumens in der Pharmaindustrie entfällt mittlerweile auf chinesische Biotech- und Pharmafirmen.“
Novartis und Takeda ziehen mit
Der Schweizer Konzern Novartis will bis zu 7,8 Milliarden Dollar in Innovationen aus China stecken. Anfang Oktober sicherte er sich bei Abogen Bioscience die exklusiven Weltrechte an einer mRNA-Therapie gegen Autoimmunerkrankungen und rheumatoide Arthritis. Der Konzern bekommt so Zugang zu neuer Technologie, ohne gleich das ganze Unternehmen kaufen zu müssen.
Noch mehr Geld ließ der japanische Konzern Takeda springen: Ende 2025 vereinbarte er mit Innovent einen Lizenzdeal über elf Milliarden Dollar. Die Pläne für ein „Labor der Zukunft“ in Wien wurden dafür gestrichen. Für den Forschungsstandort Europa ist das ein bitteres Signal.
Krebsmedizin: China gibt jetzt das Tempo vor
Am deutlichsten zeigt sich Chinas Aufstieg in der Onkologie. Laut Solbach machen Krebsmedikamente inzwischen den größten Teil der klinischen Pipeline chinesischer Biotech-Firmen aus. Einige Kandidaten würden bereits in Europa klinisch getestet und stünden kurz vor einer möglichen Zulassung.
Damit steht ein altes Weltbild auf dem Kopf. China war lange vor allem die billige Werkbank für Wirkstoffe und Generika. Jetzt entstehen dort selbst die Innovationen, für die der Westen Milliarden überweist. Kräftige staatliche Förderung hat diese Entwicklung angeschoben.
Die nächste gefährliche Abhängigkeit?
Deutschland galt früher als „Apotheke der Welt“. Heute hängt Europa schon bei einfachen Generika an Lieferketten außerhalb des eigenen Kontinents, die Engpässe bei Fiebersäften und Antibiotika sind vielen Familien noch gut in Erinnerung. Nun könnte dieselbe Abhängigkeit auch bei modernen Medikamenten entstehen.
Solbach warnt, dass „Pharma- und Biotech-Innovation stärker in China passieren wird“. Kritiker sehen darin auch eine Folge europäischer Standortprobleme: hohe Energiepreise, ausufernde Bürokratie und langsame Genehmigungsverfahren. Wer aber Wertschöpfung, Arbeitsplätze und Know-how behalten will, muss Forschung wieder attraktiv machen. Sonst kauft Europa die Medizin von morgen bald nur noch ein.
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