
Raiffeisen gegen Russland: Der Milliarden-Poker um die Strabag-Aktien

Rund sieben Milliarden Euro der Raiffeisen Bank International (RBI) sitzen in Russland fest, und seit Jahren streiten Anwälte darüber. Nun hat das Wiener Landesgericht für Zivilrechtssachen der Bank Medienberichten zufolge 3,15 Milliarden Euro Schadenersatz gegen den russischen Strabag-Aktionär Rasperia zugesprochen. Damit öffnet sich möglicherweise ein legaler Weg, um zumindest einen Teil des blockierten Geldes zurückzuholen.
Gefangen im Sanktionskrieg
Die Ausgangslage klingt absurd, ist aber Alltag im Wirtschaftskrieg zwischen Brüssel und Moskau. Seit 2014 verhängt die EU Sanktionen, ab 2022 wurden sie massiv verschärft. Der Kreml schlug zurück und verbot Firmen aus „unfreundlichen“ Staaten, ihre Gewinne an den Mutterkonzern zu überweisen.
So verdient die RBI in Russland zwar weiter Geld, vor allem mit Konten für Energieexporteure. Nach Wien kommt davon aber nichts an. Rund 8.500 Beschäftigte betreuen dort über zwei Millionen Kunden. Weil die EU auf den Rückzug drängt, wird das Geschäft allerdings kleiner.
Der Oligarch im Aktionärsregister
Den Schlüssel zu dem ganzen Streit hält der Wiener Baukonzern Strabag. An ihm halten Raiffeisen und der Versicherer Uniqa zusammen 26,7 Prozent, die Familie Haselsteiner besitzt rund 27 Prozent. Weitere 24,1 Prozent gehören der Rasperia Trading, hinter der nach übereinstimmenden Berichten der sanktionierte Aluminium-Oligarch Oleg Deripaska steht.
Im Mai 2024 schien ein Tausch perfekt: Raiffeisen sollte das Rasperia-Paket für kolportierte 1,5 Milliarden Euro kaufen. Dann meldete sich die US-Sanktionsbehörde OFAC. Die Bank machte einen Rückzieher, und der Deal platzte. Es war nicht der erste Moment, in dem Washington darüber entschied, was Europas Unternehmen dürfen.
Urteil gegen Urteil
Danach gingen beide Seiten vor Gericht. In Kaliningrad wurden die österreichischen Strabag-Aktionäre samt der russischen Raiffeisen-Tochter 2025 zu rund zwei Milliarden Euro Schadenersatz verurteilt. Das Geld sei laut dem Bericht direkt von einem RBI-Konto bei der russischen Zentralbank abgebucht worden.
Im Herbst 2025 versuchte Österreich, das 19. EU-Sanktionspaket zu blockieren, um eine Ausnahme für Raiffeisen durchzusetzen. Der Widerstand hielt nur wenige Tage, dann gab Wien unter dem Druck aus Brüssel nach. Anfang 2026 soll eine Investorengruppe um Ex-Unilever-Chef Paul Polman vorgeschlagen haben, einen Teil der Raiffeisen-Milliarden als Kredit an die Ukraine weiterzuleiten. Die Bank lehnte ab.
Artikel 11a als Hintertür?
Seit dem Sommer 2026 entspannt sich die Lage offenbar. Anfang August zog Rasperia Berichten zufolge eine Klage zurück. Außerdem hob ein russisches Gericht ein Verbot auf, das Klagen außerhalb Russlands mit einer Milliardenstrafe belegte. Entscheidend könnte Artikel 11a eines EU-Sanktionspakets vom Juni 2024 werden, der bisher noch nie angewandt wurde. Er erlaubt EU-Firmen Schadenersatzforderungen, wenn sie in Russland keinen wirksamen Rechtsschutz bekommen. Denkbar wäre dann, die Strabag-Aktien von Rasperia im Gegenzug herauszulösen und neu an die Börse zu bringen.
Leerverkäufer greifen an
Mitte September 2026 veröffentlichte der US-Leerverkäufer Grizzly Research Vorwürfe gegen die RBI. Er wirft der Bank Sanktionsverstöße vor, woraufhin die Aktie zeitweise deutlich einbrach. Die RBI weist die Vorwürfe laut Medienberichten zurück und prüft rechtliche Schritte. Es gilt die Unschuldsvermutung, doch das Misstrauen der Anleger ist trotzdem erst einmal geweckt.
Die Lehre für Sparer
Der Fall zeigt deutlich, wie schnell sich politisch Vermögen einfrieren lässt, das man für sicher hielt. Ob Bankguthaben, Beteiligungen oder Dividenden: Was in Konten und Registern steht, hängt von Regierungen, Behörden und Gerichten ab. Physisches Gold und Silber, sicher verwahrt, kann für vorsichtige Anleger deshalb eine sinnvolle Beimischung in einem breit gestreuten Vermögen sein.
Hinweis: Dieser Beitrag stellt keine Anlageberatung dar. Jeder Anleger muss sich selbst informieren und ist für seine Anlageentscheidungen selbst verantwortlich.

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