
200 Euro weg jeden Monat: Deutsche Rentner in Russland im Stich gelassen?

Seit Juni 2026 kommen bei deutschen Rentnern, die in Russland leben und ihre Rente auf ein russisches Konto beziehen, jeden Monat 200 Euro weniger an. Medienberichten zufolge zieht die Raiffeisen Bank International (RBI) in Wien diese Pauschale als Korrespondenzbank ab. Und Berlin? Die Bundesregierung antwortet mit einem einzigen Satz, der an der eigentlichen Frage vorbeigeht.
Eine Pauschale, die die Kleinen trifft
Die Bank begründet den Abzug laut dem Bericht mit den Kosten für Prüfungen auf Geldwäsche und Sanktionsumgehung. Die 200 Euro werden pro Zahlung fällig, egal wie hoch die Rente ist. Das ist eine zutiefst unsoziale Logik: Wer am wenigsten bekommt, verliert anteilig am meisten.
Ein Betroffener ist der in Moskau lebende Journalist Ulrich Heyden. Ihm fehle seither nach eigenen Worten „fast die Hälfte meiner Rente“, und das „ohne Begründung, ohne Vorwarnung“. Zunächst habe die RBI ihm jede Auskunft verweigert, weil sie „im Auftrag einer anderen Bank“ handle.
Die Begründung der Bank wirft Fragen auf
Am 12. August habe das Beschwerdemanagement dann erklärt, die EU stufe Russland als Hochrisikoland ein. Deshalb erhebe man „seit 01.01.2026 eine Gebühr idHv EUR 200 pro Zahlung“. Zeitlich passt das kaum: Die EU-Einstufung gilt erst seit dem 29. Januar, die Abzüge fallen den Rentnern erst seit Juni auf. Zudem verlangt das EU-Geldwäscherecht verstärkte Sorgfaltspflichten. Eine Gebühr in dieser Höhe schreibt es nicht vor. Die Bank weiß offenbar, wen sie trifft:
„Technisch ist eine Vorabausnahme einzelner Zahlungen (zum Beispiel Renten) nicht möglich.“
Ministerien im Ausweichmodus
In der Regierungspressekonferenz am 28. September sagte Josef Hinterseher, Sprecher des Auswärtigen Amtes, er habe das Thema nicht vorbereitet. Es sei „keine gute Idee, zu rechtlichen Sachverhalten zu spekulieren“. BMAS-Sprecher Marius Mühlhausen schloss sich an. Am 1. Oktober lieferte das Arbeitsministerium schriftlich nach:
„Das BMAS kann die vorgetragene Behauptung nicht erklären, da die deutschen Renten an in Russland lebende Personen unverändert weiter ausgezahlt werden.“
Eine „Behauptung“? Die Bank hat den Abzug schriftlich bestätigt. Und niemand hatte behauptet, die Deutsche Rentenversicherung (DRV) überweise weniger. Gefragt war, warum weniger ankommt und was die Regierung den Betroffenen rät. Darauf gibt es bis heute keine Antwort.
Die Lösung liegt längst auf dem Tisch
Formal dürfte das Ministerium sogar recht haben. Nach Paragraf 47 Absatz 2 SGB I trägt der Leistungsträger bei Zahlungen außerhalb des SEPA-Raums nur die Kosten bis zum beauftragten Geldinstitut, alles danach zahlt der Empfänger. Ob der Gesetzgeber dabei an 200 Euro pro Monat gedacht hat, darf man bezweifeln.
Die RBI selbst empfiehlt, Zahlungen mit der Spesenoption „OUR“ statt „SHA“ anzuweisen. Dann trage die Bank des Auftraggebers die Gebühr, sodass der Empfänger den vollen Betrag erhalte. Auftraggeber ist der Renten Service der Deutschen Post. Welche Bank die Zahlungen nach Russland ausführt, ist ungeklärt.
Ausweg mit Hindernissen
Auf ein deutsches Konto auszuweichen, ist schwieriger, als es klingt. Die Hamburger Sparkasse kündigte Heyden im März nach 36 Jahren das Konto, unter Verweis auf „EU-Sanktionen“. Ein neues Konto bei N26 meldete er am 6. August. Die August-Rente ging trotzdem nach Moskau, wieder um 200 Euro gekürzt. Das Online-Formular verlangt zudem die IBAN der bisherigen Bank, und die haben russische Banken gar nicht. Heyden vermutet Absicht: Wer einen Umzug nach Russland erwäge, solle abgeschreckt werden.
Wie viele Menschen betroffen sind, ist unklar. 2022 zahlte die DRV laut Medienberichten rund 1.000 Renten an Banken in Russland. Damals erhielten die Betroffenen nach dem Swift-Ausschluss immerhin einen Brief. Heute findet sich auf der DRV-Website kein Hinweis.
Zuständig fühlt sich niemand
Die Bank zeigt auf die EU, das Arbeitsministerium auf unveränderte Zahlungen, das Auswärtige Amt auf eine spätere Antwort. Und dazwischen stehen Bürger, die jahrzehntelang eingezahlt haben. Ein Staat, der bei Beiträgen auf den Cent genau kassiert, sollte auch dafür sorgen, dass die Rente vollständig ankommt.
Hinweis: Dieser Beitrag stellt keine Rechts- oder Steuerberatung dar. Er gibt die Meinung unserer Redaktion und die uns vorliegenden Informationen wieder. Betroffene sollten sich im Einzelfall fachkundig beraten lassen.

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