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31.05.2026
10:02 Uhr

Wenn der Vorhang vor der freien Rede fällt: Wiener Festwochen knicken vor selbsternannten Kulturwächtern ein

Wenn der Vorhang vor der freien Rede fällt: Wiener Festwochen knicken vor selbsternannten Kulturwächtern ein

Es ist ein Lehrstück über den Zustand des europäischen Kulturbetriebs. Die altehrwürdigen Wiener Festwochen, einst ein Hort des freien Geistes und der offenen Debatte, haben eine geplante Diskussionsveranstaltung mit dem amerikanischen Tech-Milliardär Peter Thiel kurzerhand abgesagt. Der Grund? Eine Handvoll Künstler hatte mit Boykott gedroht. Und schon fiel der Vorhang – nicht für eine kontroverse Debatte, sondern für die Meinungsfreiheit selbst.

Wenn Kunstschaffende plötzlich zu Zensoren mutieren

Die für den 7. Juni geplante Debatte mit dem PayPal-Mitbegründer und frühen Facebook-Investor wird nicht stattfinden. Intendant Milo Rau und Geschäftsführerin Artemis Vakianis begründeten ihren Rückzieher mit „anhaltenden Protesten" und der Drohung mehrerer Beteiligter, ihre Mitwirkung am Festival zurückzuziehen. Die „breit diskutierte, polarisierende Einladung" sei „nach eingehender Reflexion unterschiedlicher Positionen" zurückgenommen worden, heißt es geschwollen im Statement der Festivalleitung.

Man muss sich diese Konstellation auf der Zunge zergehen lassen: Da versammelt sich eine Gruppe von Kulturschaffenden, die sich selbst gerne als Hüter der Toleranz und Vielfalt inszeniert, und erzwingt durch puren Druck das Schweigen eines Andersdenkenden. Vielfalt? Offenkundig nur dort, wo sie ins eigene Weltbild passt.

Die bittere Ironie der eigenen Expertenrunde

Besonders pikant ist, was die Festivalleitung selbst preisgibt. Denn ursprünglich wollte man an der Veranstaltung festhalten. Verschiedene Gremien, externe Berater – sogar drei externe Experten – hätten sich einstimmig positiv zum geplanten Auftritt Thiels geäußert. Das eigens einberufene Beratungsgremium argumentierte mit beeindruckender Klarheit für die Stärke einer offenen Gesellschaft.

Man müsse „stark genug sein, um auch polemische, spaltende, unsolidarische, extremistische, undemokratische oder verfassungswidrige Stimmen und Beiträge zu ertragen, zu erdulden, ihnen entgegenzutreten, sie aufzudecken und ihnen entgegenzuwirken."

Eine starke Formulierung, die das Wesen einer wehrhaften Demokratie auf den Punkt bringt. Und was geschah? Genau das Gegenteil. Die Festwochen waren eben nicht stark genug. Sie kapitulierten beim ersten Windstoß. Die schöne Theorie über das Aushalten anderer Meinungen währte exakt so lange, bis ein paar empörte Künstler mit ihrer Abreise drohten.

„Nicht um jeden Preis" – die Kapitulationsformel

Intendant Rau verteidigte seine Entscheidung mit den Worten, er nehme die kritischen Stimmen „sehr ernst". Die geplante Veranstaltung habe er zwar „extrem spannend" und „thematisch konsequent" gefunden, doch ein Beharren stünde im Widerspruch zu seiner Wertschätzung für das künstlerische Programm. Übersetzt heißt das: Wenn der Mob laut genug ruft, biegt sich auch der Intendant.

Wie immer kam der entscheidende Druck zudem aus der Politik. Die Wiener Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler erklärte, die Einladung führe „durchaus berechtigt zu großem Unmut". Und siehe da: Die Stadt Wien gehört zu den wichtigsten Geldgebern der Festwochen. Wer zahlt, schafft an – auch in der angeblich so unabhängigen Hochkultur.

Wer ist dieser angeblich so gefährliche Mann?

Peter Thiel, 1967 in Frankfurt am Main geboren, zählt zu den einflussreichsten Köpfen des Silicon Valley. Mitgründer von PayPal, früher Facebook-Investor, Unterstützer Donald Trumps. Politisch vertritt er libertäre und rechtskonservative Positionen. Genau das macht ihn in den Augen einer linksdominierten Kulturszene offenbar zur Unperson – zu einer Stimme, die man lieber gar nicht erst zu Wort kommen lässt, aus Angst, sie könnte überzeugen.

Denn das ist die eigentliche Wahrheit hinter dieser Posse: Wer wirklich von der Überlegenheit der eigenen Argumente überzeugt wäre, müsste die Konfrontation nicht scheuen. Wer hingegen den offenen Diskurs fürchtet wie der Teufel das Weihwasser, verrät damit nur die eigene Schwäche. Die Festwochen-Boykotteure haben nicht Thiel klein gemacht – sie haben sich selbst entlarvt.

Ein Symptom des kranken Zeitgeists

Was sich in Wien abspielte, ist kein Einzelfall, sondern Sinnbild einer Entwicklung, die längst auch Deutschland erfasst hat. Eine selbsternannte moralische Elite definiert die Grenzen des Sagbaren immer enger und brandmarkt jede abweichende Meinung reflexhaft als „extremistisch" oder „verfassungswidrig". Debattenkultur? Wettstreit der Ideen? Fehlanzeige. Stattdessen regiert die Cancel-Mentalität, die mit dem Vokabular der Demokratie das genaue Gegenteil betreibt.

Eine wahrhaft offene Gesellschaft erträgt es, wenn jemand mit anderen Ansichten ans Mikrofon tritt. Sie widerlegt ihn mit besseren Argumenten – sie verbietet ihm nicht den Mund. Dass ausgerechnet jene, die unentwegt von „Toleranz" und „Weltoffenheit" schwadronieren, zu den ersten gehören, die Andersdenkende mundtot machen wollen, ist die wohl bezeichnendste Heuchelei unserer Zeit.

Die Wiener Festwochen haben in diesem Sommer eines bewiesen: Sie können viel über Kunst und Freiheit reden. Doch wenn es darauf ankommt, fehlt ihnen schlicht das Rückgrat.

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