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Kettner Edelmetalle
29.07.2026
14:56 Uhr

Zurück in die Fünfziger: BASF schrumpft in Ludwigshafen auf Nachkriegsniveau – und die deutsche Chemie stirbt leise

Zurück in die Fünfziger: BASF schrumpft in Ludwigshafen auf Nachkriegsniveau – und die deutsche Chemie stirbt leise

Es gibt Zahlen, die mehr über den Zustand eines Landes verraten als jede Regierungserklärung. Eine davon lautet: unter 30.000. So viele Vollzeitstellen hat der weltgrößte Chemiekonzern BASF noch an seinem Stammsitz Ludwigshafen. Zuletzt war die Belegschaft dort im Jahr 1954 so klein – in einer Zeit, in der das Wirtschaftswunder gerade erst Anlauf nahm und Deutschland sich aus Trümmern hocharbeitete. Heute arbeitet man sich offenbar in die andere Richtung.

Ein Konzern auf Diät – und die Politik schaut zu

Vorstandschef Markus Kamieth formulierte es am Mittwoch in jenem klinisch sauberen Managersprech, den man mittlerweile zu übersetzen gelernt hat: Man habe das Tempo erhöht, um die globale Organisation schlanker und effizienter aufzustellen. Schlanker. Effizienter. Was das für Ludwigshafen bedeutet, weiß dort jeder in der Werkskantine.

Allein im ersten Halbjahr 2026 hat BASF mehr Stellen abgebaut als in den beiden Jahren davor zusammen. Konzernweit sank die Beschäftigtenzahl im Jahresvergleich um gut 14 Prozent auf rund 94.900 – und darin sind jene Mitarbeiter, die durch Verkäufe von Unternehmensteilen abgingen, noch nicht einmal enthalten. Ebenso wenig übrigens der Personalaufbau im chinesischen Zhanjiang. Denn dort, im Reich der Mitte, wird gebaut, während in der Pfalz abgewickelt wird. Man muss diesen Satz zweimal lesen, um seine ganze Tragik zu erfassen.

Ludwigshafen schrieb zuletzt das vierte Jahr in Folge rote Zahlen. Allein 2024 stand ein Minus von rund einer Milliarde Euro in den Büchern.

„CoreShift“ – wenn Sparprogramme wie Yogakurse klingen

Das im Mai vorgestellte Programm trägt den Namen „CoreShift“ und sieht vor, die Fixkosten im Kerngeschäft bis 2029 um bis zu 20 Prozent zu drücken. Dienstleistungsstellen wandern nach Indien. Die angepeilten jährlichen Einsparungen wurden zu Jahresbeginn auf 2,3 Milliarden Euro angehoben. Wer glaubt, damit sei der Kelch geleert, dürfte sich täuschen – der Rückbau hat System.

Kurios genug: Das Tagesgeschäft lief zuletzt besser als erwartet. Im zweiten Quartal profitierte der Konzern von leicht anziehender Nachfrage und kräftigen Preiserhöhungen. Der Grund ist allerdings alles andere als beruhigend: Aus Angst vor Lieferunterbrechungen wegen des Nahostkriegs füllten Kunden ihre Lager. Angstkäufe als Konjunkturprogramm – so weit ist es gekommen. Die Prognose wurde angehoben, ein Aktienrückkauf über bis zu eine Milliarde Euro angekündigt. Doch BASF selbst warnt, dass eine anhaltende Blockade der Straße von Hormus alles wieder zunichtemachen könnte.

Nicht der Einzelfall, sondern das Muster

Wer glaubt, es handle sich um ein Ludwigshafener Sonderproblem, sollte die Meldungen der Wettbewerber lesen. Evonik verschärfte im Juni sein Sparprogramm massiv: Zu den bereits laufenden Maßnahmen mit rund 2.800 wegfallenden Stellen bis Ende 2026 kommen von 2027 bis 2029 weitere 3.200 – davon 2.150 in Deutschland. Über 6.000 Arbeitsplätze insgesamt. Das seit Jahren unprofitable Polyestergeschäft wird 2027 beendet, der Standort Witten mit 266 Beschäftigten geschlossen. Konzernchef Christian Kullmann verwies auf die unsichere weltpolitische Lage, das schwache Wachstum und den härter werdenden internationalen Wettbewerb.

Wacker Chemie streicht bis Ende 2027 mehr als 1.500 Stellen, überwiegend in Deutschland; rund die Hälfte der geplanten Einsparungen von 300 Millionen Euro jährlich soll über Personal kommen. Firmenchef Christian Hartel nennt die Ursachen unumwunden: hohe Energiepreise und bürokratische Hürden im Standort Deutschland. Bei Lanxess in Köln fallen 550 Verwaltungsstellen weg, begleitet von einer Absenkung der Wochenarbeitszeit für Tarifbeschäftigte auf 35 Stunden – zunächst bis Jahresende.

22 Prozent Umsatz weg, 34.000 Arbeitsplätze fort

Die Chemie ist neben Auto- und Maschinenbau eine der Säulen der deutschen Industrie. Seit dem Rekordjahr 2022 ist ihr Umsatz nach Berechnungen der Beratungsgesellschaft EY um rund 22 Prozent eingebrochen. Zwischen 2022 und 2025 wurden etwa 34.000 Arbeitsplätze gestrichen oder ins Ausland verlagert. Das ist keine Delle. Das ist eine Abwanderung industrieller Substanz, die in Jahrzehnten aufgebaut wurde – und in wenigen Jahren verspielt wird.

Die unbequeme Wurzel: das Gas

Man kann die Ursachen zerreden, doch sie stehen offen im Raum. Bürokratie, steigende Steuer- und Abgabenlasten, höhere Lohnkosten – und vor allem Erdgas. Für die Chemie ist es Energieträger und Rohstoff gleichzeitig, etwa in der Ammoniakproduktion. Vor 2022 kam zeitweise mehr als die Hälfte des deutschen Gasbedarfs aus Russland, zu vergleichsweise günstigen Konditionen. Mit dem Ende dieser Handelsbeziehungen und der Umstellung auf Flüssigerdgas wurde die Versorgung strukturell teurer: verflüssigen, verschiffen, regasifizieren – jeder Schritt kostet. Laut Gaspreisanalyse des BDEW vom Januar 2026, also noch vor der jüngsten Nahost-Eskalation, lagen die Preise weiterhin deutlich über dem Niveau der Jahre 2016 bis 2020.

Wer daraus keine energiepolitische Lehre zieht, hat entweder nicht zugehört oder will nicht hören. Jahrelang wurde in Berlin Energiepolitik als moralisches Projekt betrieben, nicht als industrielle Existenzfrage. Kraftwerke wurden abgeschaltet, Versorgungspfade ideologisch bewertet, Kosten zu Nebengeräuschen erklärt. Nun schickt die Realität die Rechnung – adressiert an Facharbeiter in Ludwigshafen, Marl und Witten. Und die neue Große Koalition unter Friedrich Merz? Sie verwaltet 500 Milliarden Euro Sondervermögen, hat die Klimaneutralität bis 2045 ins Grundgesetz gehoben und liefert damit vor allem eines: höhere Kosten, mehr Schulden, keine wettbewerbsfähigen Energiepreise. Es wäre absurd, so etwas Industriepolitik zu nennen.

Was bleibt, wenn die Fabriken gehen?

Eine Volkswirtschaft, die ihre Grundstoffindustrie verliert, verliert nicht nur Arbeitsplätze. Sie verliert Lieferketten, Ingenieurwissen, Steueraufkommen und am Ende ihre Verhandlungsmacht. Wer Ammoniak, Kunststoffvorprodukte und Spezialchemie künftig aus Asien importiert, wird die Preise nicht mehr selbst bestimmen. Und wer eine Belegschaft auf das Niveau von 1954 zurückführt, sollte sich nicht wundern, wenn auch der Wohlstand irgendwann dorthin zurückfindet.

Für Sparer und Bürger, die diesem industriellen Rückbau tatenlos zusehen müssen, stellt sich daher eine sehr praktische Frage: Wie schützt man Vermögen in einem Land, dessen wirtschaftliches Fundament bröckelt und dessen Staat die Zukunft auf Kredit finanziert? Physische Edelmetalle – Gold und Silber in der Hand, nicht als Papierversprechen – gelten seit Jahrhunderten als das, was sie sind: greifbarer Sachwert, unabhängig von Bilanzen, Konzernstrategien und Regierungsprogrammen. Als solide Beimischung in einem breit gestreuten Portfolio behalten sie ihren Sinn gerade dann, wenn Industriepolitik zum Experiment wird.

Ein Land, das sich selbst im Weg steht

Die Zahlen aus Ludwigshafen sind kein Betriebsunfall, sondern eine Diagnose. Solange Energie in Deutschland zum Luxusgut erklärt, Bürokratie zum Volkssport erhoben und Wettbewerbsfähigkeit als nachrangig behandelt wird, werden weitere Werkstore schließen. Nicht laut, nicht spektakulär – sondern still, Standort für Standort. Und irgendwann wird man sich fragen, wann genau man eigentlich beschlossen hat, Industrienation gewesen zu sein.

Hinweis: Dieser Beitrag stellt keine Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung dar. Er gibt ausschließlich die Einschätzung unserer Redaktion auf Basis der uns vorliegenden Informationen wieder. Aussagen über Unternehmen, Branchen oder Anlageklassen sind keine Kauf- oder Verkaufsempfehlungen. Jeder Leser ist verpflichtet, eigene Recherchen anzustellen und trägt die Verantwortung für seine Anlageentscheidungen selbst; bei rechtlichen oder steuerlichen Fragen sollte fachkundiger Rat eingeholt werden. Eine Haftung für Vermögensschäden wird ausgeschlossen.

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