
Zwölf Stunden Todesangst in Berlin: Wenn der Wocheneinkauf zur Geiselnahme wird
Es sollte ein ganz normaler Freitagabend in einer ruhigen Berliner Wohngegend werden. Marienfelde, ein Stadtteil mit Einfamilienhäusern, Schulen, Kindergärten – jene Art von Nachbarschaft, in der man sich noch grüßt und in der die Welt eigentlich in Ordnung sein sollte. Doch gegen 22 Uhr verwandelte sich eine Rewe-Filiale in der Hildburghauser Straße in einen Schauplatz des Grauens, der zwölf lange Stunden andauern sollte.
Ein Messer, eine Geisel, keine erkennbare Vernunft
Ein Mann nahm nach Angaben der Behörden eine Supermarkt-Mitarbeiterin als Geisel. Erst am Samstagmorgen gegen 9:20 Uhr konnte die Polizei die Frau befreien – mithilfe eines Elektroschockers, Schusswaffen mussten offenbar nicht eingesetzt werden. Die Kassiererin stand unter Schock, blieb körperlich aber unverletzt. Ein 22-jähriger Kollege, der an jenem Abend Dienst hatte, berichtete gegenüber Medien, er habe gesehen, wie der Täter mit einem „funkelnden Messer“ von beträchtlicher Größe gedroht habe. Er und eine weitere Mitarbeiterin seien aus dem Laden geflüchtet und hätten die Polizei alarmiert.
Und die Motive? Ein Rätsel. Der Täter soll während der Geiselnahme wechselnde, kaum nachvollziehbare Forderungen gestellt haben. Ein Polizeisprecher wählte hierfür eine denkwürdige Formulierung: Es habe sich um „Impulsforderungen“ gehandelt, die sich „im schwer nachvollziehbaren Bereich“ abgespielt hätten – von einem „akribischen Tatplan“ könne keine Rede sein. Täter und Opfer sollen sich zuvor nicht gekannt haben.
Ein Wirrwarr bei der Herkunft – und ein bekanntes Muster
Interessant wird die Angelegenheit bei der Frage nach der Person des Täters. Zunächst hieß es seitens der Staatsanwaltschaft, es handele sich um einen 29-jährigen türkischen Staatsangehörigen. Später wurde die Angabe korrigiert: Der Mann besitze die deutsche Staatsangehörigkeit. Ein Detail, das bei der Berichterstattung solcher Taten inzwischen fast schon zur Routine geworden ist – jenes hastige Nachjustieren, das viele Bürger mit einer Mischung aus Resignation und bitterem Zynismus zur Kenntnis nehmen. Der 29-Jährige war zudem polizeibekannt. Am Sonntag wurde Haftbefehl beantragt.
Wer halb Kalkutta aufnimmt, hilft nicht Kalkutta, sondern wird selbst zu Kalkutta. – Ein Satz des großen Publizisten Peter Scholl-Latour, der heute aktueller klingt denn je.
Wenn der Alltag zum Risiko wird
Man muss es klar aussprechen: Was hier geschah, ist kein bedauerlicher Einzelfall mehr, sondern Teil einer Entwicklung, die immer mehr Menschen in diesem Land zutiefst beunruhigt. Eine Frau, die am „falschen Ort zur falschen Zeit“ war – so beschrieb es der junge Kollege. Doch genau das ist das Problem. Der Supermarkt, die Fußgängerzone, der Bahnhof: Orte des ganz gewöhnlichen Lebens verwandeln sich zunehmend in Zonen, in denen man nie sicher sein kann, was einen erwartet.
Die Kriminalitätsstatistik in Deutschland verzeichnet Rekordwerte, die Zahl der Messerangriffe steigt Jahr für Jahr. Und dennoch scheint die politische Klasse dieses Landes den Ernst der Lage nicht begreifen zu wollen – oder nicht begreifen zu dürfen. Es ist nicht allein die Meinung unserer Redaktion, sondern die eines großen Teils der Bevölkerung, dass hier über Jahre hinweg eine verhängnisvolle Fehlpolitik betrieben wurde, deren Folgen nun auf dem Rücken unbescholtener Bürger ausgetragen werden.
Die seelischen Wunden bleiben
Man sollte eines nicht vergessen: Auch wenn die Frau körperlich unversehrt blieb, wird sie zwölf Stunden Todesangst nicht so schnell vergessen. Solche Erlebnisse hinterlassen Narben, die man nicht sieht und die oft schwerer wiegen als jede körperliche Verletzung. Dass Menschen in einem der wohlhabendsten Länder der Erde beim Broterwerb um ihr Leben fürchten müssen, ist ein Armutszeugnis für einen Staat, dessen erste Pflicht der Schutz seiner Bürger sein sollte.
Was bleibt?
Deutschland braucht dringend eine Politik, die wieder für dieses Land und seine Menschen regiert – und nicht gegen sie. Sicherheit ist kein Luxus, sondern ein Grundrecht. Solange dieser einfache Grundsatz in Berlin nicht wieder ernst genommen wird, werden Meldungen wie diese leider zur traurigen Normalität gehören. Und genau das dürfen und wollen wir nicht länger hinnehmen.
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