
Clan-Chef gegen Linken-Mann: „Mehr als eine Stunde“ statt 15 Minuten?

Die Clan-Affäre um den Linken-Bundestagsabgeordneten Ferat Koçak bekommt eine neue, peinliche Wendung. Issa Remmo, Oberhaupt der berüchtigten Berliner Großfamilie, wirft dem Neuköllner Politiker im Gespräch mit der „Bild“ erneut vor, die Unwahrheit zu sagen. Sein Treffen mit Koçak soll nicht nur ein paar Minuten gedauert haben, sondern weit über eine Stunde.
Zwei Versionen, nur eine kann stimmen
Koçak hatte unter anderem gegenüber der „Zeit“ beteuert, er habe von dem Clan-Hintergrund der Remmos nichts gewusst. Das Treffen mit Issa Remmo und dessen Sohn Firas sei eher zufällig zustande gekommen. Nach zehn bis 15 Minuten habe er es beendet, sobald ihm klar geworden sei, mit wem er da am Tisch sitze.
Remmo erzählt das völlig anders. Laut „Bild“ sagte er:
„Koçak kam zu mir ins Büro. Mehr als eine Stunde haben wir diskutiert. Nicht über Drogen und Waffen, sondern über Politik, Sozialismus und Enteignungen.“
Sozialismus und Enteignungen, ausgerechnet mit einem Mann, dessen Familie die Berliner Justiz schon jahrelang beschäftigt? Mehr Ironie geht kaum. Eine Anfrage der „Bild“ zu den neuen Vorwürfen ließ Koçak Berichten zufolge unbeantwortet.
Gekränkter Stolz und eine eigene Partei
Den Clan-Chef ärgert vor allem, dass man ihn verleugne. Wäre Koçak ehrlich gewesen und hätte zugegeben, ihn zu kennen, dann hätte man ihn dafür respektiert, so Remmo. Stattdessen lüge der Abgeordnete. Mit der Linken ist Remmo nach eigenen Worten fertig: Er werde die Partei niemandem mehr empfehlen. „Ich habe nicht die Linke verloren, die Linke hat mich verloren.“
Und dann wird es endgültig skurril. Remmo kündigt an, eine eigene Partei mit dem Namen „Der Weg zum Licht“ gründen zu wollen. Bei der nächsten Wahl wolle er sich selbst wählen, sobald er den deutschen Pass bekomme. Ob man darüber lachen oder sich Sorgen machen soll, muss jeder Leser für sich entscheiden.
Wie die Affäre ins Rollen kam
Losgegangen war alles nach dem Berliner Wahlsieg der Linken. Issa Remmo tauchte auf der Wahlparty der Partei in Neukölln auf. Die Linke stritt zunächst jeden Kontakt zu ihm ab. Dann veröffentlichte Firas Remmo freundliche Chatnachrichten zwischen sich und Koçak. Darin stand unter anderem der Satz: „Grüße mit Respekt an deinen Vater“.
Erst unter öffentlichem Druck gab Koçak ein kurzes, angeblich versehentliches Treffen zu. Verbindungen zur organisierten Kriminalität bestritt er. Ende September legte er seinen Sitz im Innenausschuss des Bundestags nieder. Medienberichten zufolge räumte er ein, er sei im Umgang mit der Familie „naiv und mit der Situation überfordert“ gewesen. Sein Mandat behielt er, und die Linke stellte sich hinter ihn.
Ein Name, den in Berlin jeder kennt
Gerade deshalb klingt die Version vom ahnungslosen Gesprächspartner für viele Beobachter wenig glaubwürdig. Der Name Remmo ist in der Hauptstadt seit Jahren ein Begriff. Mehrere Familienmitglieder wurden rechtskräftig verurteilt, etwa wegen des Diebstahls der 100 Kilogramm schweren Goldmünze „Big Maple Leaf“ aus dem Bode-Museum 2017 und wegen des Juwelen-Einbruchs ins Dresdner Grüne Gewölbe 2019. Der öffentlich-rechtliche rbb spricht selbst von einem „in Teilen kriminellen“ Clan.
Die Frage, die bleibt
Für Koçak wiegt das doppelt schwer. Ausgerechnet ein Politiker, der im Innenausschuss über Polizeiarbeit und innere Sicherheit mitreden sollte, muss sich jetzt gegen die Aussagen eines Clan-Oberhaupts verteidigen. Wer die Wahrheit sagt, lässt sich von außen nicht klären. Fest steht nur, dass sich die Darstellungen klar widersprechen.
Aus Sicht unserer Redaktion zeigt der Fall, wie sorglos Teile der Politik mit einem Milieu umgehen, das Ermittler seit Jahren als ernste Bedrohung beschreiben. Viele Bürger erwarten von ihren Volksvertretern zu Recht klare Distanz zu solchen Strukturen und keine freundlichen Grüße. Dass die Linke ihren Abgeordneten trotzdem stützt, sagt viel darüber, wo die Partei ihre Prioritäten setzt.
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