
Ebola im Kongo: Wenn brennende Behandlungszelte die Seuche befeuern

Es ist ein Bild, das einem den Atem stocken lĂ€sst: Patienten, hochansteckend und in Lebensgefahr, fliehen aus einem Behandlungszentrum, wĂ€hrend hinter ihnen die Zelte in Flammen stehen. Schauplatz dieses verstörenden Szenarios ist nicht etwa ein Spielfilm, sondern die Provinz Ituri im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo. Dort tobt seit Wochen ein neuer Ebola-Ausbruch â und die Helfer kĂ€mpfen nicht nur gegen einen der tödlichsten Krankheitserreger der Welt, sondern auch gegen eine Mauer aus Aberglauben, Misstrauen und RealitĂ€tsverweigerung.
Brandstiftung statt Behandlung
Am vergangenen Sonntag eskalierte die Lage in der Ortschaft Mungwalu auf dramatische Weise. Angehörige eines verstorbenen Ebola-Patienten setzten kurzerhand die Behandlungszelte in Brand, nachdem ihnen die Herausgabe der Leiche verweigert worden war. Was fĂŒr die Familie als unverstĂ€ndliche Schikane erscheinen mag, ist medizinisch zwingend geboten: Selbst nach dem Tod bleiben Ebola-Erkrankte hochinfektiös. Eine traditionelle Bestattung, bei der die Toten von Angehörigen gewaschen und berĂŒhrt werden, gleicht einem Russisch Roulette mit der Seuche. Die Folge des Feuers war katastrophal: Behandelte Patienten flohen panikartig aus der Einrichtung â und sind seither verschwunden. Wandelnde Infektionsquellen, irgendwo im Busch, niemand weiĂ, wen sie bereits angesteckt haben.
Jeder Dritte hĂ€lt Ebola fĂŒr eine Erfindung
Die Zahlen, die die Hilfsorganisation ActionAid vermeldet, sind alarmierend. Ăber 900 VerdachtsfĂ€lle wurden bislang registriert. Doch noch erschĂŒtternder als die epidemiologische Bilanz ist eine soziologische: Etwa jeder dritte Bewohner der betroffenen Region halte Ebola schlicht fĂŒr einen Mythos, eine Erfindung der Behörden oder westlicher Hilfsorganisationen. Saani Yakubu, Landesdirektor von ActionAid in der Demokratischen Republik Kongo, brachte das Dilemma auf den Punkt: Man kĂ€mpfe nicht nur gegen ein tödliches Virus, sondern auch gegen Mythen, Angst und tiefsitzendes Misstrauen.
Andere wiederum halten an einer absurden Schutzstrategie fest: Mit hochprozentigem Alkohol wollen sie sich angeblich gegen das Virus wappnen. Eine Vorstellung, die ungefÀhr so realitÀtstauglich ist wie der Versuch, einen Waldbrand mit einem Gartenschlauch zu löschen.
AufklÀrung als Mammutaufgabe
Helfer des Roten Kreuzes und anderer Organisationen ziehen nun von Dorf zu Dorf, um AufklĂ€rungskampagnen durchzufĂŒhren und falsche Informationen zu entkrĂ€ften. Doch das ist mĂŒhsame Kleinstarbeit in einer Region, in der das Vertrauen in staatliche Institutionen historisch bedingt gering ist. Jahrzehnte des BĂŒrgerkriegs, der Korruption und ausbeuterischer RohstoffgeschĂ€fte haben tiefe Wunden hinterlassen. Wer einmal gelernt hat, der Obrigkeit grundsĂ€tzlich zu misstrauen, lĂ€sst sich nicht durch ein paar Plakate und FlugblĂ€tter umstimmen.
Eine Lehre, die ĂŒber den Kongo hinausreicht
Der tragische Vorfall in Mungwalu zeigt eindrucksvoll, was passiert, wenn das Vertrauen zwischen Bevölkerung und Institutionen erodiert. Wenn medizinische Tatsachen plötzlich als Verschwörung gelten und Mythen mehr Gewicht haben als wissenschaftliche Erkenntnisse, droht der Kontrollverlust. Das Beispiel sollte auch westlichen Gesellschaften zu denken geben: Wer einmal das Vertrauen seiner BĂŒrger verspielt hat â sei es durch Politik mit der Brechstange oder durch widersprĂŒchliche Botschaften in Krisenzeiten â, der wird im Ernstfall mit Ă€hnlichen Reaktionen konfrontiert sein. Die Lektion aus Ituri ist universell: Vertrauen ist das wertvollste Gut einer funktionierenden Gesellschaft. Es ist mĂŒhsam aufzubauen â und in einer einzigen Brandnacht zerstört.
Wie es im Kongo weitergeht, ist offen. Solange Patienten lieber fliehen als sich behandeln zu lassen, solange Angehörige lieber Feuer legen als auf Sicherheitsvorschriften zu hören, wird das Ebola-Virus seinen tödlichen Vormarsch fortsetzen. Eine bittere Erkenntnis in einer Welt, die glaubte, das Virus weitgehend im Griff zu haben.

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