
Kanzlerin Schwesig? Die SPD flüchtet sich in Machtträume

Die SPD steckt im Umfragekeller und hat seit dem Rücktritt von Bärbel Bas nur noch einen halben Vorstand. Trotzdem kreist die Debatte um eine einzige Frage: Kann Manuela Schwesig schon 2027 Kanzlerin werden? Angestoßen hat das Gedankenspiel ein Gastbeitrag in der WELT. Ein Blick auf die Zahlen fällt allerdings ernüchternd aus.
Der Fahrplan: Parteitag, Koalitionsbruch, Neuwahl
Der Unternehmer und Publizist Hubertus Hoffmann hat unter dem Titel „Kanzlerin Schwesig – das Szenario für das SPD-Comeback 2027“ einen Plan entworfen. Zuerst lasse sich die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern im Schweriner Landtag wiederwählen. Danach übernehme sie den Bundesvorsitz der SPD.
Nach einer „Schamfrist“ solle sie die Koalition mit der Union im Bund beenden. Es folgten Neuwahlen, womöglich zu Ostern 2027, und danach ein Bündnis aus SPD, Grünen und Linken. Bei der Neuwahl der Parteispitze gibt es inzwischen einen festen Termin. Laut Medienberichten wählt die SPD ihre gesamte Führung auf einem Sonderparteitag am 16. und 17. Januar 2027 in Bremen neu. Neben Schwesig werden auch Lars Klingbeil und Boris Pistorius als mögliche Kandidaten gehandelt.
16,4 Prozent und der Griff nach dem Kanzleramt
Ein Szenario ist allerdings noch keine Mehrheit. Bei der Bundestagswahl 2025 kam die SPD auf 16,4 Prozent, das schlechteste Ergebnis ihrer Geschichte. Die Union erreichte rund 28,5 Prozent, die AfD 20,8 Prozent. Einen Regierungsauftrag für die Sozialdemokraten lässt sich daraus kaum ablesen.
Verboten ist so ein Vorhaben natürlich nicht. Die Bürger wählen den Bundestag, den Kanzler bestimmt das Parlament. Willy Brandt wurde 1969 Kanzler, obwohl die Union mehr Stimmen geholt hatte. Doch nicht alles, was rechtlich möglich ist, überzeugt auch die Wähler.
Es fehlen 47 Stimmen
Rechnerisch geht es ohnehin nicht auf. SPD, Grüne und Linke haben im aktuellen Bundestag zusammen 269 der 630 Sitze. Für ein konstruktives Misstrauensvotum gegen Friedrich Merz bräuchte man 316 Stimmen. Es fehlen also 47. Der Rostocker Politikwissenschaftler Wolfgang Muno sagte dazu gegenüber der Berliner Zeitung:
„Mir wäre jetzt keine parlamentarische Konstellation im Bund bekannt, bei der Manuela Schwesig eine Mehrheit für eine Kanzlerschaft hätte.“
Schwerin als Testlabor
Rückenwind bekommt Schwesig vor allem aus der eigenen Partei. Ihr Vorgänger Erwin Sellering sagte der Ostsee-Zeitung: „Ja, ich traue ihr die Kanzlerschaft zu.“ Schwesig selbst verweist auf ihre Aufgaben in Mecklenburg-Vorpommern und die Koalitionsverhandlungen dort.
Bei der Landtagswahl am 20. September wurde die AfD mit 38,2 Prozent stärkste Kraft. Die SPD kam auf 35,5 Prozent, die Linke auf 6,5 und die Grünen auf 5,7 Prozent. Zusammen haben die drei Parteien 39 der 71 Sitze. Bei der ersten Sitzung des neuen Landtags am 20. Oktober wurde Birgit Hesse (SPD) mit genau diesen 39 Stimmen wieder Landtagspräsidentin. Der AfD-Kandidat verlor.
Formal ist das sauber. Die stärkste Partei hat keinen automatischen Anspruch auf die Regierung, und zusammen kommen SPD, Linke und Grüne auf 47,7 Prozent. Trotzdem hat mehr als ein Drittel der Wähler anders entschieden. Ihre Sorgen um Wirtschaft, Migration, Energiepreise und eine schwerfällige Verwaltung verschwinden nicht, nur weil die Partei, die sie gewählt haben, nicht mitregiert.
„Merkel 2.0“ ist noch kein Programm
Hoffmann vergleicht Schwesig mit einer „Merkel 2.0“, also einer Politikerin, die vor allem die Mitte zusammenhalten kann. Genau hier liegt das Problem. Die Merkel-Jahre hinterließen dem Land eine schwierige Energiewende, eine überlastete Bürokratie und eine Migrationspolitik, die bis heute stark umstritten ist. Wer die gleiche Ausgleichspolitik noch einmal anbietet, muss erklären, was sich diesmal ändern soll.
Schwesig hat Regierungserfahrung, einen Amtsbonus und in ihrem Land eine treue Wählerbasis. Ein Erfolg in Schwerin lässt sich aber nicht einfach auf den Bund übertragen. Die SPD verliert ihre früheren Stammwähler nicht, weil ihr ein bekanntes Gesicht fehlt. Sie verliert sie, weil viele Bürger nicht mehr wissen, wofür die Partei eigentlich steht.
Ein neues Gesicht kann dieses Problem kaschieren, aber nicht lösen. Eine Mehrheit im Parlament kann eine Kanzlerin rechtmäßig ins Amt bringen. Das Vertrauen der Wähler muss die SPD sich aber erst wieder erarbeiten.
Die Live-Pakete zum Webinar vom 21. OktoberLive-Pakete zum Webinar vom 21.10.
Der digitale Euro kommt.Ihre Antwort in Gold und Silber.
Nur bis Donnerstag, 22.10., 23:59 UhrNur bis Donnerstag, 22. Oktober, 23:59 Uhr
- Kettner Edelmetalle News
- Finanzen
- Wirtschaft
- Politik













