
KI-Verdacht beim Goncourt: Literatur-Star fliegt aus der Preisauswahl!

Der gefeierte Bestseller-Roman „C'était ça ou mourir“ des kanadisch-haitianischen Schriftstellers Thélyson Orélien steht unter Verdacht, weitgehend von einer Künstlichen Intelligenz geschrieben worden zu sein. Die Académie Goncourt hat das Buch am 25. September aus der Auswahl für Frankreichs wichtigsten Literaturpreis gestrichen. Orélien bestreitet die Vorwürfe. Trotzdem steht der Literaturbetrieb jetzt vor einer unangenehmen Frage: Wer hat hier eigentlich noch genau hingesehen?
Vom Shootingstar zum Verdachtsfall
Erst kam der kometenhafte Aufstieg. Der 1988 in Haiti geborene Autor kam nach dem verheerenden Erdbeben von 2010 nach Kanada und machte sich dort vor allem in der haitianischen Diaspora einen Namen. Sein Roman über die Flucht eines jungen Lehrers vor der Bandengewalt in Port-au-Prince bis nach Montréal ging diesen Sommer zehntausendfach über die Ladentheke.
Medienberichten zufolge sammelte das Buch Preise wie andere Leute Briefmarken: den Prix du Roman Fnac, den Prix Méduse, dazu Nominierungen für Goncourt, Renaudot, Femina und Médicis. Feuilletons und Jurys feierten es als das Phänomen der Saison.
Dann, am 21. September, kam der Absturz. Ein X-Account mit dem spöttischen Namen „Balance ton Claude“ jagte mehrere Passagen durch die Erkennungssoftware Pangram. Das Ergebnis sei fast immer gleich gewesen: nahezu hundert Prozent KI. Hinter dem Account soll zumindest teilweise der Le-Figaro-Kolumnist Samuel Fitoussi stecken.
Der Autor wehrt sich, die Verlage wettern
Orélien weist alles zurück. In einem Interview soll er erklärt haben, er sehe keinen Grund, warum er auf eine Maschine zurückgreifen sollte. Sein Stil stehe in der Tradition karibischer Literatur. Er spricht zudem von rassistischen Anfeindungen. Sein Québecer Verlag Boréal verweist auf zahlreiche Manuskriptfassungen und nennt die Analysen willkürlich. Der Pariser Verlag Grasset beklagt laut Berichten eine regelrechte Hasskampagne.
Dem Account zufolge hätten vier ältere Texte Oréliens aus dem Jahr 2014 bei Pangram übrigens null Prozent KI-Anteil ergeben. Der Anbieter selbst beziffert seine Fehlerquote bei Büchern auf winzige 0,003 Prozent. Kritiker halten dagegen: Eine Stanford-Studie aus dem Jahr 2023 hatte gezeigt, dass solche Detektoren Texte von Nicht-Muttersprachlern häufiger fälschlich als maschinell erzeugt einstufen.
Alte Plagiatsvorwürfe tauchen auf
Brisanter noch: Wie der öffentlich-rechtliche Sender Radio-Canada berichtet, gibt es zusätzliche Plagiatsvorwürfe gegen Texte aus den Jahren 2012 bis 2014. Eine preisgekrönte Kurzgeschichte soll Passagen aus einem Werk von Louis Pauwels und Jacques Bergier enthalten. Eine Kolumne soll weitgehend auf einem Artikel des „Philippine Star“ beruhen.
Die Jury zieht die Notbremse – nicht einstimmig
Die Académie begründete ihren Schritt damit, die Integrität des Preises schützen zu wollen. Der Goncourt solle Literatur auszeichnen, die von Menschen geschrieben wurde. Das Buch sei nach aller Wahrscheinlichkeit größtenteils ein KI-Produkt. Jurymitglied Pascal Bruckner war Berichten zufolge dagegen: Er wolle sich nicht an einer Hetzjagd beteiligen.
Der Fall erinnert an die Affäre um den britischen Antirassismus-Forscher Jason Arday, der nach schweren Plagiatsvorwürfen seine Professur in Cambridge aufgab. Kritiker warfen dem Wissenschaftsbetrieb damals vor, aus ideologischen Gründen bei Mängeln beide Augen zugedrückt zu haben.
Eine Branche, die sich ihre Märchen wünscht
Ob Orélien tatsächlich eine Maschine schreiben ließ, ist nicht bewiesen. Doch der Vorgang wirft ein grelles Licht auf einen Kulturbetrieb, der die passende Erfolgsgeschichte offenbar schneller beklatscht, als er ihre Substanz prüft. Jurys, die wochenlang Lobeshymnen singen, und Verlage, die Kritik reflexhaft als Hass abtun, wirken nicht wie Hüter der Qualität.
Am Ende zahlen die Leser. Sie kaufen Echtheit und bekommen womöglich Algorithmen. In einer Zeit, in der Maschinen auf Knopfdruck Romane ausspucken, wird das Echte und Unverfälschte zur knappen Ware. Das gilt für Bücher genauso wie für alles, was Menschen im Leben Wert beimessen.
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