
Schüsse im Schulflur: Frankreichs Klassenzimmer werden zur Kampfzone

Ein 14-jähriger Schüler hat am Montagmorgen im Collège Joseph Lakanal in Aubagne bei Marseille das Feuer eröffnet. Die Jagdflinte hatte er in einem Gitarrenkoffer versteckt. Getroffen wurden der Schulleiter und eine Lehrerin. Die Tat trifft ein Land, dessen Schulen seit Wochen von Krawallen erschüttert werden.
Ein Gitarrenkoffer, zwei Verletzte, ein mutiger Aufseher
Den Ermittlern zufolge feuerte der Junge mehrmals im ersten und zweiten Stock. Der 53-jährige Schulleiter wurde an der Hüfte getroffen, die 37-jährige Lehrerin am Oberschenkel. Lebensgefahr bestehe nicht, so die Staatsanwaltschaft Marseille. Schüler blieben unverletzt.
Gestoppt hat den Täter keine Polizeistreife. Es war ein Schulangestellter, der ihm die Waffe abnahm. Laut Medienberichten war der Jugendliche den Behörden weder wegen Straftaten noch wegen Radikalisierung bekannt. Zum Motiv wird noch ermittelt.
Bildungsminister Édouard Geffray sprach auf X von einem inakzeptablen Akt. Die Tat zeige einmal mehr, wie die ungezügelte Gewalt in der Gesellschaft zunehme. Behörden und örtliche Medien betonen, es gebe keine erkennbare Verbindung zu den landesweiten Schülerprotesten.
Vom Protest gegen Lehrermangel zur Straßenschlacht
Ein Einzelfall vor ruhiger Kulisse ist das trotzdem nicht. Seit Mitte September brennt es an Frankreichs Schulen, im übertragenen Sinn und ganz wörtlich. Angefangen hat es mit berechtigten Klagen über fehlende Lehrer, überfüllte Klassen und marode Gebäude. Daraus wurden Blockaden, Brandstiftung, Plünderungen und Angriffe auf Polizisten.
Premierminister Sébastien Lecornu sprach Berichten zufolge von der schwersten Bilanz für das Schulsystem seit Jahrzehnten. Mindestens 85 Schulbeschäftigte wurden verletzt, auf Polizeiseite mehr als 700 Beamte. Fast 6.900 Menschen kamen seit Beginn der Unruhen in Gewahrsam, laut Berichten zu 86 Prozent Minderjährige.
Die Bilder sind verstörend. Vor einer Pariser Berufsschule sollen Randalierer den Ausgang angezündet und damit rund 100 Schüler und Lehrkräfte eingeschlossen haben. Ein Polizeikommandeur in Zivil soll bewusstlos geprügelt worden sein. Marine Le Pen nannte Aufnahmen von einer am Boden getretenen jungen Polizistin „unerträglich“ und forderte harte Strafen.
Wer steckt hinter den Krawallen?
Eine Recherche von Fox News Digital hat 50 Organisationen untersucht, die rund um die Proteste aktiv sind. Nur 15 davon sind demnach echte Schüler- oder Jugendgruppen. Bei den übrigen handle es sich unter anderem um ein Dutzend Gewerkschaften, acht kommunistische oder sozialistische Gruppen, die Kommunistische Partei, La France Insoumise und eine propalästinensische Organisation.
Mike Gonzalez von der konservativen Heritage Foundation sieht darin ein „rot-grünes Ökosystem“, also ein Bündnis von Linksradikalen und Islamisten, wie man es auch aus den USA kenne. Er verweist auf den in Shanghai lebenden Tech-Milliardär Neville Roy Singham. Der finanziert laut Berichten das Portal BreakThrough News, das die Unruhen als Teil eines weltweiten Aufstands inszeniere. Ob und wie viel Geld direkt in die französischen Proteste fließt, belegt der Bericht allerdings nicht.
Auch Bildungsminister Geffray hatte La France Insoumise schon früher vorgeworfen, die Lage anzuheizen. Ein Bürgermeister der Partei aus Seine-Saint-Denis soll sogar Verständnis dafür geäußert haben, dass Gewalt in manchen Fällen „legitim“ sein könne.
Belgien brennt gleich mit
Die Unruhen haben inzwischen die Grenze überschritten. In Lüttich endeten Schülerproteste gegen Bildungskürzungen in nächtlichen Krawallen, nach Polizeiangaben gab es seit Anfang Oktober fast 200 Festnahmen. Ein 13-Jähriger soll dazu aufgerufen haben, eine Schule anzuzünden. Innenminister Bernard Quintin sprach von einer Antifa-artigen Bewegung. Es sei völlig inakzeptabel, dass Erwachsene Kinder für gewalttätige politische Botschaften missbrauchten.
Ein Warnsignal, auch für Deutschland
Frankreich zeigt im Zeitraffer, was passiert, wenn ein hoch verschuldeter Staat seine Schulen verkommen lässt und dann zusehen muss, wie Radikale die Wut der Jugend für sich nutzen. Aus Sicht unserer Redaktion haben die Verantwortlichen beides zugelassen: das Elend in den Klassenzimmern und die Gewalt auf der Straße.
Auch in Deutschland gibt es Lehrermangel, sanierungsbedürftige Schulen und mehr Gewalt an Schulen. Wer hierzulande glaubt, das alles betreffe nur das Nachbarland, sollte sich die Bilder aus Paris, Marseille und Lüttich genau ansehen. Ein Staat, der weder für ordentlichen Unterricht noch für Sicherheit sorgen kann, verliert das Vertrauen seiner Bürger.
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