
Stuttgart 21 ohne Klimaanlage: Bahn-Video wird zum Spott-Magnet

Die Deutsche Bahn wollte erklären, warum ihr Milliarden-Tiefbahnhof in Stuttgart ohne Klimaanlage auskommt. Herausgekommen ist ein PR-Bumerang. Seit Tagen kursiert ein YouTube-Video des Konzerns, in dem der Verzicht auf Kühltechnik als kluge Ingenieursleistung verkauft wird – die Kommentarspalte antwortet mit Hohn.
Erdreich statt Technik: Die Argumentation der Bahn
Der Kern der Begründung: Anders als der alte Kopfbahnhof liegt der neue Bahnhof unter der Erde. Die Bauteile nähmen die Temperatur des Untergrunds an, das massive Bauwerk halte die Temperaturen im Inneren konstant, erläutert ein Vertreter des Technischen Projektmanagements beim Bahnprojekt Stuttgart–Ulm in dem Video.
Dazu komme die Lage am tiefsten Punkt der Stadt. Der Wind kühle sich im Talkessel ab, einfahrende Züge schöben zusätzlich kühle Luft in die Halle. Klingt physikalisch plausibel – überzeugt aber offenbar kaum jemanden.
"Warum die Titanic keine Rettungsboote braucht"
Ein Nutzer kündigte ironisch die nächste Folge an:
„Nächstes Video: Warum die Titanic keine Rettungsboote braucht“
Andere spotteten über den Zeitpunkt der Veröffentlichung oder prophezeiten Schlagzeilen für 2040, wonach der zu heiße Hauptbahnhof eine neue Milliardensanierung nötig mache. Ein Kommentator verwies auf London, wo sich das Erdreich rund um Tunnel über die Jahrzehnte messbar aufgeheizt habe.
Auch sachliche Nachfragen kamen: Warum wird die benachbarte, ebenfalls unterirdische S-Bahn-Station im Sommer stickig? Ein Bahnsprecher erklärte das laut Nachrichtenagentur mit der Tunnellänge. Bei Stuttgart 21 seien die Röhren drei bis neun Kilometer lang und lägen bis zu 220 Meter tief, während die S-Bahn-Station nur wenige Dutzend Meter vom Tunnelportal entfernt sei und deshalb nicht von abgekühlter Luft profitiere.
Die eigentliche Baustelle sind Zeit und Geld
Der Klimaanlagen-Streit ist die kleine Posse in einem sehr großen Desaster. Bahnchefin Evelyn Palla hatte die Inbetriebnahme zuletzt offiziell auf Dezember 2031 verschoben. Medienberichten zufolge soll das Projekt zudem noch einmal rund drei Milliarden Euro teurer werden, der Kostenrahmen liege nun bei etwa 14,5 Milliarden Euro. Eine von Palla beauftragte Konzernrevision habe erhebliche Versäumnisse offengelegt.
Zur Erinnerung: Einst war von deutlich niedrigeren Kosten und einer Eröffnung Ende der 2010er-Jahre die Rede. Aus dem Prestigeprojekt ist ein Symbol dafür geworden, wie Großbauten in Deutschland aus dem Ruder laufen.
Die Pannenliste ist lang: schwierige Bodenverhältnisse, Grundwasserschutz, im Juni wurde nach einem Bericht des SWR bekannt, dass unter Zeitdruck falsche Kabel verlegt worden seien. Zuletzt bremst vor allem die Digitalisierung der Leit- und Sicherungstechnik.
Wer zahlt am Ende?
Aus Sicht unserer Redaktion ist das der wunde Punkt. Die Bahn gehört dem Bund – und damit dem Steuerzahler. Während die Politik neue Sondervermögen in dreistelliger Milliardenhöhe beschließt, zeigt Stuttgart 21, wie schnell Planzahlen zur Makulatur werden.
Dieser Beitrag gibt die Einschätzung unserer Redaktion auf Basis der uns vorliegenden Informationen wieder. Er stellt keine Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung dar; für eigene Entscheidungen ist jeder Leser selbst verantwortlich.
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