
Amazon baut europäische Datenfestung: Milliarden-Investition soll Misstrauen zerstreuen

Die Amazon-Tochter AWS hat am Donnerstag in Potsdam ein ambitioniertes Projekt aus der Taufe gehoben, das die europäische Cloud-Landschaft grundlegend verändern könnte. Mit der sogenannten „European Sovereign Cloud" will der amerikanische Tech-Gigant jene Bedenken ausräumen, die seit der Rückkehr Donald Trumps ins Weiße Haus in europäischen Regierungszentralen und Vorstandsetagen grassieren wie ein hartnäckiges Fieber.
7,8 Milliarden Euro bis 2040 – ein Vertrauensvorschuss?
Die Zahlen, die AWS präsentiert, sind durchaus beeindruckend: Bis zum Jahr 2040 sollen stolze 7,8 Milliarden Euro in den deutschen Standort fließen. Eine separate Infrastruktur, gesteuert über deutsche Tochtergesellschaften, soll Geschäftskunden die „vollständige Kontrolle über ihre digitalen Ressourcen" garantieren. So zumindest das Versprechen von Stéphane Israël und Stephan Höchbauer, die das neue Angebot gemeinsam leiten.
Digitalminister Karsten Wildberger von der CDU zeigte sich erwartungsgemäß erfreut über die Investition. „Globales Know-how wird mit europäischen Datenschutz- und Sicherheitsstandards zusammengebracht", lobte er in einer Mitteilung. Man komme dem Ziel eines „starken und leistungsfähigen Digitalstandorts" ein Stück näher. Ob diese Euphorie gerechtfertigt ist, wird sich erst noch zeigen müssen.
Die Krux mit der digitalen Souveränität
Die Ambivalenz der deutschen Wirtschaft gegenüber amerikanischen Tech-Konzernen offenbaren Erhebungen des IT-Verbands Bitkom mit erschreckender Deutlichkeit: Während 45 Prozent der Unternehmen munter Daten in Länder wie die USA übertragen, wünschen sich gleichzeitig satte 82 Prozent deutsche oder europäische Alternativen. Ein Widerspruch, der symptomatisch für die digitale Abhängigkeit Europas steht.
AWS versucht nun, diesen gordischen Knoten zu durchschlagen. Die europäischen Tochtergesellschaften werden von EU-Bürgern geleitet, die rechtlich verpflichtet seien, „im besten Sinne" der European Sovereign Cloud zu handeln. Klingt beruhigend – doch wie belastbar ist dieses Konstrukt wirklich, wenn Washington einmal ernst macht?
Wenn der Stecker gezogen wird
Besonders brisant ist das Versprechen, die Cloud funktioniere auch „unter extremen Umständen". Es gebe keine „kritischen Abhängigkeiten von Infrastruktur außerhalb der EU". In bestimmten Fällen sollen autorisierte Mitarbeiter sogar auf eine Kopie des Quellcodes zugreifen können. Der Hintergrund dieser Zusicherung ist wenig subtil: Die Angst vor einem plötzlichen Abschalten des Dienstes auf Geheiß einer ausländischen Regierung ist real. Der Internationale Strafgerichtshof, der wegen Sanktionen von US-Präsident Trump um seine Funktionsfähigkeit bangt, liefert ein mahnendes Beispiel.
Marktmacht und Abhängigkeit
AWS dominiert den globalen Cloud-Markt mit einem Anteil von 29 Prozent, gefolgt von Microsoft mit 20 und Google mit 13 Prozent. In den vergangenen vier Quartalen erwirtschaftete die Amazon-Sparte beachtliche 122 Milliarden Dollar Umsatz. Diese drei „Hyperscaler" haben die digitale Infrastruktur der westlichen Welt fest im Griff – ein Umstand, der gerade in Zeiten geopolitischer Spannungen nachdenklich stimmen sollte.
Die Expansion der European Sovereign Cloud auf Belgien, die Niederlande und Portugal ist bereits angekündigt. Ob diese europäische Datenfestung tatsächlich hält, was sie verspricht, oder ob es sich letztlich nur um geschicktes Marketing handelt, um regulatorische Hürden zu umschiffen, wird die Zeit zeigen. Eines steht fest: Die digitale Souveränität Europas bleibt ein fragiles Konstrukt, solange die Schlüsseltechnologien in amerikanischer Hand liegen.
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