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Kettner Edelmetalle
13.04.2026
18:03 Uhr

Milliarden-Pflaster auf offene Wunde: Reiches Gasreserve-Plan erntet vernichtende Kritik

Milliarden-Pflaster auf offene Wunde: Reiches Gasreserve-Plan erntet vernichtende Kritik

Nur 16 Prozent. So erbärmlich niedrig ist der Füllstand der deutschen Gasspeicher – und das selbst für das Ende einer Heizperiode ein alarmierender Wert. Während die Merz-Regierung nun hektisch eine strategische Gasreserve aus dem Boden stampfen will, warnen Experten: Der Plan sei nicht nur verspätet, sondern auch erschreckend teuer bei gleichzeitig minimalem Nutzen. Man könnte fast meinen, die Bundesregierung habe die Energiekrise der vergangenen Jahre komplett verschlafen.

Bis zu 1,5 Milliarden Euro für zwei Wochen Sicherheit

Die Zahlen, die aus dem Wirtschaftsministerium von Katherina Reiche (CDU) durchsickern, lassen aufhorchen. Rund zehn Prozent der deutschen Speicherkapazitäten – etwa 24 Terawattstunden – sollen künftig als staatlicher Notfallpuffer vorgehalten werden. Klingt zunächst vernünftig. Doch bei genauerem Hinsehen entpuppt sich das Vorhaben als das, was es ist: ein teures Trostpflaster. Denn diese Menge würde im Ernstfall gerade einmal ausreichen, um Haushalte und Unternehmen bei einem normalen Winter etwa zwei Wochen zu versorgen. Bei extremer Kälte schrumpft dieser Zeitraum auf eine einzige Woche zusammen.

Der Preis dafür? Für die Erstbefüllung kalkuliert das Ministerium mit Kosten zwischen 500 Millionen und 1,5 Milliarden Euro. Hinzu kommen laufende jährliche Kosten von bis zu 165 Millionen Euro – finanziert selbstverständlich aus dem Bundeshaushalt, also letztlich aus der Tasche des Steuerzahlers. In Zeiten, in denen die Regierung bereits ein 500-Milliarden-Euro-Sondervermögen auf den Weg gebracht hat und die Schuldenlast künftiger Generationen in schwindelerregende Höhen treibt, mutet diese zusätzliche Belastung geradezu zynisch an.

DIW-Expertin spricht Klartext: „Teures Pflaster auf ein systemisches Problem"

Besonders deutliche Worte findet Prof. Dr. Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Die Energieökonomin bezeichne die strategische Gasreserve zwar als „grundsätzlich richtig und längst überfällig", komme aber „eigentlich zu spät". Eine Reserve in dieser Größenordnung sei nichts weiter als „ein teures Pflaster auf ein systemisches Problem". Schärfer kann man eine Regierungsinitiative kaum zusammenfassen.

Und tatsächlich liegt Kemfert mit ihrer Analyse den Finger in die Wunde. Das bisherige Modell der Gasspeicherung funktioniere schlicht nicht mehr. In Zeiten hoher Preise lohne es sich für Händler kaum noch, Gas im Frühjahr einzukaufen und einzuspeichern. Stattdessen werde auf kurzfristige Beschaffung gesetzt – mit der fatalen Konsequenz, dass die Speicher leerer bleiben und die Risiken für den Winter steigen. Der Markt habe „nicht zuverlässig für ausreichende Vorsorge gesorgt", so Kemfert, weil kurzfristige Preissignale die langfristige Sicherheit unterminierten.

Ein Marktversagen mit Ansage

Was hier als überraschende Erkenntnis verkauft wird, ist in Wahrheit ein Versagen mit Ansage. Seit dem Wegfall russischer Gaslieferungen hätte jedem verantwortungsvollen Politiker klar sein müssen, dass Deutschland eine grundlegend neue Strategie zur Energieversorgungssicherheit benötigt. Stattdessen wurde jahrelang auf den Markt vertraut – jenen Markt, der offensichtlich nicht in der Lage ist, die Versorgungssicherheit eines Industrielandes zu gewährleisten. Friedrich Merz hatte im Wahlkampf vollmundig versprochen, Deutschland wieder auf Kurs zu bringen. Doch was die Energiepolitik betrifft, scheint seine Regierung denselben Fehler zu begehen wie ihre Vorgänger: zu wenig, zu spät.

Branche reagiert mit diplomatischer Ernüchterung

Auch die Energiebranche selbst zeigt sich alles andere als begeistert. Der staatlich kontrollierte Energiekonzern Uniper, der selbst große Gasspeicher betreibt, hatte bereits mehrfach ein stärkeres Eingreifen des Staates gefordert. Die geplante Reserve könne zwar ein „Baustein" sein, ersetze aber keineswegs die grundlegenden Voraussetzungen für Versorgungssicherheit. Entscheidend bleibe ein verlässlicher, langfristiger Rahmen, damit Speicher überhaupt wieder wirtschaftlich befüllt werden könnten.

Die Marktgebietsverantwortliche Trading Hub Europe (THE) hält sich ebenfalls bedeckt. Ohne konkrete Details zur Ausgestaltung lasse sich die Wirkung der geplanten Reserve derzeit nicht bewerten. Bezeichnend ist allerdings, dass die THE im vergangenen Winter bereits selbst vorsorglich eingreifen musste und zusätzliche sogenannte Long-Term-Options an ausgewählten Gasspeichern ausschrieb, um bei Kälte und hoher Nachfrage die Netzstabilität zu gewährleisten. Wenn private Unternehmen die Aufgaben des Staates übernehmen müssen, spricht das Bände über den Zustand der deutschen Energiepolitik.

Iran-Krise verschärft die Lage dramatisch

Als wäre die Situation nicht bereits prekär genug, kommt nun ein weiterer Faktor hinzu, der die Lage zusätzlich verschärft. Die Gaspreise sind infolge der eskalierenden Spannungen im Nahen Osten – insbesondere des Iran-Konflikts – erneut gestiegen und verteuern die Befüllung der Speicher erheblich. Für Unternehmen und Haushalte entsteht damit ein doppeltes Risiko: höhere Energiekosten in den kommenden Monaten und die reale Gefahr neuer Preissprünge im Winter.

Man muss sich das einmal vor Augen führen: Deutschland, einst industrielles Kraftzentrum Europas, ist nicht in der Lage, seine Gasversorgung für den kommenden Winter sicherzustellen. Ein Land, das sich gleichzeitig Klimaneutralität bis 2045 ins Grundgesetz schreibt und Hunderte Milliarden für Infrastruktur ausgibt, schafft es nicht, seine Bürger vor einem kalten Winter zu schützen. Die Prioritäten dieser Regierung – ob unter Ampel oder Großer Koalition – scheinen chronisch falsch gesetzt.

Strukturelle Reformen statt teurer Symbolpolitik

Was Deutschland tatsächlich bräuchte, wäre keine milliardenschwere Notreserve, die bestenfalls zwei Wochen überbrückt, sondern eine grundlegende Neuausrichtung der Energiepolitik. Eine Politik, die auf Versorgungssicherheit, bezahlbare Preise und eine realistische Diversifizierung der Energiequellen setzt – statt auf ideologiegetriebene Wunschvorstellungen. Doch danach sieht es unter der aktuellen Regierung leider nicht aus. Das Wirtschaftsministerium unter Katherina Reiche hat auf entsprechende Anfragen bislang nicht einmal reagiert. Vielsagendes Schweigen in einer Zeit, in der die Bürger Antworten verdienen.

Die strategische Gasreserve mag ein erster, wenn auch verspäteter Schritt in die richtige Richtung sein. Doch solange die strukturellen Probleme nicht angegangen werden, bleibt sie das, was Kemfert treffend beschrieben hat: ein teures Pflaster. Und die Rechnung dafür zahlt – wie immer – der deutsche Steuerzahler.

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